Wir reisen mit der Zeitmaschine ins Jahr 2002 zurück. Es ist kurz vor Weihnachten. Meine Medienagentur existiert seit über einem Jahr. Meine Entscheidung, mich nach einem Jahr als PR & Marketing Manager beim Wormser Publisher Blackstar Interactive als Journalist selbstständig gemacht zu haben, war richtig: Ich schreibe mittlerweile für mehrere renommierte Kunden, darunter GamePro, Bravo.de und den Entertainment Media Verlag. Und das Business ist weiter auf dem aufsteigenden Ast; die Kunden rennen mir die Tür ein. Sogar für Spiegel Online arbeite ich seit einiger Zeit als freier Autor – das bringt zwar nicht wirklich mehr Geld, macht aber Spaß und befriedigt meine eigenen orthographischen Ansprüche.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Nun steht ein Interview an, für Spiegel Online eben, und stern.de. Mit dem britischen Spieldesigner Peter Molyneux. Ron Gilbert, Chris Roberts, Noel Gallagher und Kate Moss würden mich spontan noch mehr reizen, aber Molyneux ist ein Medienfänger, also ab ins Auto und nach Düsseldorf, wo er sich der Presse stellt. Außerdem dürfte das Interview meinen Status als junger, engagierter Spielejournalist festigen. Ich möchte mich mit ihm nicht nur über sein kommendes Spiel Black & White 2 unterhalten, mich interessieren viel mehr seine Designphilosophie, seine allgemeinen Ansichten über Religion, digitale Spiele als Kulturgut, sein Leben.

Während der Fahrt rufe ich mir ins Gedächtnis, was ich über Molyneux eigentlich weiß. Okay, Populous hatte ich Jahre zuvor auf dem Amiga gespielt, auch Magic Carpet war mir bekannt. Tolle Spiele, irgendwie, aber so richtig langfristig gefesselt hatten sie mich nicht. Trotzdem freue ich mich auf das Treffen mit ihm. Molyneux gilt als Visionär, als genialer Freigeist, der neue Spielkonzepte zum Frühstück aus dem Ärmel schüttelt. Aber auch als einer, der viel redet wenn der Tag lang ist, der weiß, wie man gute PR macht. Ich stelle ihn mir ein wenig abgehoben vor, eine Mischung aus Nerd, britischem Gentleman und Professor. Mal sehen.

Da grinst er noch.

Da grinst er noch.

Nach drei Stunden Fahrt inklusive Kaffeepause an der Raststätte Koblenz-Metternich bin ich endlich da. Erst mache ich einen Abstecher zu Giga, schüttle viele Hände, besuche meinen Ex-fun generation-Kollegen Simon Krätschmer (der treibt heute erfolgreich bei Rocket Beans sein Unwesen), lerne den legendären George Zaal alias “Onkel Barlow” kennen, trinke zu viel Kaffee, rauche zu viele Zigaretten. Ich darf sogar während der Show im Studio bleiben und bin überrascht: Die Giga-Jungs sind vor der Kamera wirklich genauso wie dahinter, da ist nichts gespielt.

Dann geht’s weiter in ein Nobelhotel, wo mich Molyneuxs reizende Assistentin Cathy Campos im Foyer empfängt und mich zu Peter himself führt. Ich bin jetzt doch ziemlich aufgedreht, vermutlich von der Überdosis Kaffee und Nikotin. Als dann auch noch der Krawall.de-Peschke (heute erfolgreich beim Spielepodcast “The Pod” unterwegs) samt Fotograf an mir vorbeihuscht, werde ich plötzlich nervös. Aha, die haben den schon interviewt. Der muss wichtig sein.

Doch siehe da: Es läuft gut. Peter ist äußerst charmant, redet wie ein Wasserfall in mein Diktiergerät, lacht viel, geht aber auch auf ernstere Fragen ausführlich ein ein. Was ihn daran fasziniert, dem Spieler Omnipotenz zu verleihen, will ich wissen. Es sei die Vorstellung, einfach mal alles anders machen zu können, in den Kampf Gut gegen Böse einzugreifen, meint Peter.

Ich frage ihn, ob er an an Gott glaubt. Ja, sagt er, aber nicht an den biblischen. Wenn er zwei Wünsche für die Spieleindustrie hätte, wie würden diese aussehen? Als Erstes würde er sich wünschen, dass die Spiele günstiger werden – zehn Euro wäre ein guter Preis. Das Problem bei der Sache sei allerdings, dass jeder Cent, der so weniger verdient wird, schlussendlich an Entwicklungsgeldern fehlen würde. Insofern sei der Wunsch leider völlig unrealistisch.

Sein Hauptwunsch ist jedoch ein anderer: ein völlig neues Eingabegerät zum Steuern von Computerspielen. Eine Maus sei nicht perfekt, ein Joypad nicht optimal für dreidimensionale Games. Er wünsche sich ein komplett neues Gerät, das er direkt in sein Gehirn stöpseln kann, ein Gerät, das die Bilder und Sensationen direkt in sein Hirn projiziert. Sagt er und lacht dabei.

Alter Schwede, der kann reden, denke ich mir. Molyneux kommt extrem sympathisch rüber, sehr intelligent und gebildet, aber gar nicht abgehoben. Ich entspanne mich immer mehr, fange an, das Gespräch zu genießen. Es gibt noch mehr Kaffee; Cathy schenkt nach. Wir hatten eine Interviewzeit von 30 Minuten vereinbart, mittlerweile sitze ich Peter fast schon eine Stunde gegenüber. Über Black & White 2 haben wir noch kaum gesprochen. Doch dann, irgendwann, zückt Molyneux seinen Laptop, möchte mir Bilder seiner Göttersimulation zeigen.

Gerne doch. Seine Augen glänzen, wenn er über sein Baby spricht, er ist wirklich begeistert von seiner Arbeit, redet sich immer mehr in einen Rausch. Man möchte ihm fast jedes Wort abnehmen, wenn er über die Intelligenz der Kreatur spricht, die man als Spieler in Black & White 2 befehligt, wenn er die die Grafik als “outstanding” bezeichnet, obwohl sie bestenfalls ganz cool aussieht.

0,1020,231051,00

“Black & White 2”

Doch was jetzt folgt, ist wohl der Alptraum eines jeden jungen Journalisten, ist mein ganz persönliches Black & White. Hätte ich meine Kaffeetasse doch besser auf dem Tisch abgestellt, denn plötzlich entgleitet sie meinen Händen, macht einen komischen Hopser und landet auf Peters Hose, während sich die braune Brühe gleichmäßig über seinen auf dem Oberschenkel platzierten Laptop ergießt, die komplette Tastatur einsaut.

Die Welt bleibt für einen Moment stehen, das Bild friert ein: der Kaffee auf dem Laptop; Peters nasse Hose; Cathys entsetzter Blick. Wie in Zeitlupe setzt sich die Szene langsam wieder in Gang, ich entschuldige mich aufrichtig, mein Herz rast; ich stehe vermutlich unter Schock. Cathy beschwichtigt, es sei überhaupt nicht schlimm, doch irgendwas sagt mir, dass sie gerade lügt. Peter lächelt nur milde. Als ich seine feuchten Jeans inspiziere, fällt mir auf, dass sein Hosenstall zur Hälfte offen steht. Entweder ist er wirklich so laid back – oder er spielt es in Perfektion. Nachdem Cathy Handtücher organisiert und Peter sich und seinen Laptop notdürftig gesäubert hat, führe ich das Interview halbwegs routiniert fort, immer noch leicht benommen.

Wenig später ist alles vorbei. Wir tauschen Visitenkarten aus, verabschieden uns, wobei ich mich bestimmt noch fünf Mal für mein Missgeschick entschuldige. Shit happens, sagt Peter.

Mit Herzklopfen steige ich in mein Auto, starte das Navi, bin wie in Trance. Alles gut, denke ich mir, ich habe Material für mindestens drei Molyneux-Interviews. Aber das schlechte Gewissen nagt an mir und lässt mich auch nicht los, als ich endlich zu Hause angekommen bin.

Zurück ins Jetzt

Selbst heute, 17 Jahre nach meinem ersten und bislang auch einzigen Molyneux-Interview, beschleicht mich hin und wieder ein ungutes Gefühl, wenn ich an damals denke. Ob meine Kaffee-Dusche ernsthafte Folgen für seinen Laptop hatte? Ich womöglich wichtige Daten zerstört habe? Ich weiß es nicht. Wenn ich Peter mal wieder treffe, muss ich ihn das unbedingt fragen.

molyneux_02

Immer schön bei der Wahrheit bleiben, Peter.

Interessant ist in jedem Fall auch, wie sich seit damals die Wahrnehmung um die Person Peter Molyneux gewandelt hat. Früher galt er als Visionär; heute fällt im Zusammenhang mit Molyneux nicht selten das Wort “Schaumschläger”, weil er fast immer zu dick aufträgt, wenn es um seine Spiele geht. Kein Wunder, hat er doch Titel wie seine Fable-Reihe stets endlos gehypt und die unglaublichsten Innovationen versprochen, die man im fertigen Produkt jedoch selten zu Gesicht bekam. Schade um seinen Ruf, denn ich habe ihn als einen wirklich interessanten, klugen Gesprächspartner empfunden und die Begegnung mit ihm gut im Gedächtnis behalten – trotz meines Kaffee-Fauxpas.

Bleibt zu hoffen, dass sein neues Projekt, ein Aufbauspiel namens “Legacy”, so visionär sein wird, wie Peter im Interview verspricht. Nun, man darf gespannt sein. Bis dahin heißt es: Abwarten und Kaffee trinken.

(Aktualisiert am 07. März 2019)

FacebooktwittermailFacebooktwittermail