Ganz ehrlich? Ich hasse Züge, Zugfahrten, Bahnhöfe und alles, was damit zusammenhängt! Wieso mich Railway Empire trotzdem stundenlang an die Gleise gefesselt hat, erfahrt ihr in unserem Test!

Von Jan Michelsen

Als ich gefragt wurde, ob ich den Test zur Eisenbahn-Wirtschaftssimulation Railway Empire  (für PC, PS4 und Xbox One erhältlich) übernehmen möchte, freute ich mich im ersten Augenblick ungefähr so wie ein Eskimo, dem man einen Eiswürfel schenkt. Dennoch machte ich mich unvoreingenommen ans Werk und sprang über meinen Schatten – zum Glück! Als Strategie- und Tycoon-Fan der alten Schule wurde aus „Ich schau‘s mir eben kurz mal an“ ein Ausflug von mehreren Stunden, der bis tief in die Nacht andauerte. Die Zeit am Rechner verging im wahrsten Sinne wie im Zug … äh, Flug. Kein Wunder, denn Entwickler Gaming Minds und Publisher Kalypso Media haben ein rundes Spiel abgeliefert, das mit allerlei Details glänzt, sich dabei aber selbst nicht allzu ernst nimmt.

Wie soll das denn funktionieren?

Das strategische Eisenbahn-Abenteuer spielt in Nordamerika zur Zeit der Erschließung des Landes per Zug. Von Ost nach West kommt man nur per Kutsche, was der Spieler ändern soll. Los geht es in den Great Plains mitten in den USA im Jahr 1863. Aller Anfang ist natürlich schwer, denn auch die Basics wie den Gleisbau muss man erst einmal beherrschen. In Railway Empire kein Problem! Neben den anfänglichen Erklärungen bekommt ihr für jeden Schritt sogar ein kleines Video präsentiert. Nach wenigen Minuten steht die erste Verbindung, und die ziemlich lahme Lok tuckert über die Gleise zwischen Omaha und Norfolk.

Vor dem Spielstart sucht ihr euch einen Charakter aus. So begegnet ihr etwa dem General Jonathan Johnson, dem Gangster Don Lorenzo oder dem Ingenieur Don Murphy. Jede Figur bietet besondere Eigenschaften.

Bin ich jetzt schon ein richtiger Tycoon? Nein, denn was als erster Erfolg gefeiert wird, entpuppt sich gerade einmal als die Spitze des Eisberges. An all die zu erledigenden Aufgaben führt euch Railway Empire aber behutsam heran. Genre-Profis finden im Ingame-Handbuch obendrein jede Menge Tipps und Tricks. Falls ihr die Grundlagen einmal vergessen solltet, reicht euch das Spiel immer wieder den kleinen Finger mit Erinnerungen in Form von Sprechblasen. Wen das stört, der deaktiviert diese Funktion einfach.

Howdy Männer, ich regle das hier!

1863 präsentiert sich der Westen noch wild. Männer und Frauen schuften jeden Tag hart für ihren Lohn – und ihr Überleben. Davon bekommt man leider nicht viel mit – außer dass in den Städten oft und gerne die Kutschen und Einwohner über die Straßen tuckern. Dennoch reißt einen das Szenario mit, was auch an den nett gezeichneten Intros und Zwischensequenzen liegt. Die Atmosphäre bringt die Aufbruchsstimmung der Bahnpioniere früherer Zeiten einfach super rüber.

Dazu passt auch unser Begleiter Thomas Clark Durant vom Bahnunternehmen Union Pacific Railroad, der uns durch die ersten Stunden begleitet. Wir sind übrigens nicht nur irgendein namenloser Spieler, sondern schlüpfen in die Rolle verschiedener Charaktere, die uns vor einem Kapitel zur Verfügung stehen. Ganz am Anfang wartet etwa der Fabrikant Roger Smythe, der als Bonus fünf Prozent mehr Geld durch Frachtpreise einnimmt. Später folgen noch viele andere Figuren, bei denen etwa die Gleise weniger kosten. Gegen manche von diesen Gesellen treten wir vorher auch an, denn eine Zugfahrt ist kein Kindergeburtstag! Gleich mehrere Unternehmen buhlen um die Gunst von Fahrgästen, Postversand und Frachtverladung. Nur wer sich anstrengt und ordentlich baut, der steigert den Marktwert seines eigenen Unternehmens.

Bereits auf der ersten Karte geht es ordentlich zur Sache! Nach den Gleisen folgt die Festlegung der Routen für eure Züge. Da wird es schnell einmal hektisch.

Der Teufel steckt im Detail

Im Mittelpunkt von Railway Empire stehen natürlich Gleisbau und der Einsatz der Bahnen. Was am Anfang noch leicht von der Hand geht, wird im weiteren Spielverlauf echt hektisch und eine logistische Meisterleistung. Denn im normalen Spielmodus fährt – wie auch im echten Leben – eben nur ein Zug auf einem Gleis. Wenn ihr aber mehrere Städte verbindet, dann braucht ihr auch mehr Züge, die entsprechend mehrere Gleise benötigen – ansonsten bleibt der Zug im Bahnhof stehen, was im schlimmsten Fall zum Spielende führt. Eine riesige Latte an Aufgaben erwartet euch in jedem Kapitel. Wer seine Ziele bis zu einem bestimmten Jahr aber nicht erfüllt, der verliert.

Unter der Haube von Railway Empire steckt allerdings noch viel mehr. So verbindet ihr Bauernhöfe und Minen mit Bahnhöfen, damit alle Städte an begehrte Waren herankommen. Irgendwann reicht Baumwolle aber nicht mehr – die Menschen wünschen sich Kleidung. Diese wird in Fabriken produziert. Da in einer Stadt nicht unendlich viele Fabriken stehen können, müssen manche Orte damit extra beliefert werden. Ein riesiger Kreislauf an Waren und Gütern hält Hobby-Schaffner auf Trab. Noch größer wird das Chaos, wenn Post und Touristen dazukommen, denn ein Zug hat nur begrenzte Plätze. Immerhin dürft ihr festlegen, was eure Eisenbahn transportieren soll. Ab und an streiken die Gleisfahrzeuge allerdings bei zu wilden Konstruktionen und fahren einfach nicht weiter, egal, was man anstellt. Das kann aber tatsächlich auch an meiner eigenen Inkompetenz als Gleisbauer liegen.

Am Anfang noch kleine Strecken, später riesige Netze: Schon in Kapitel 2 verbindet ihr New York, Baltimore, Washington, Pittsburgh und die restliche Ostküste.

Noch verrückter wird das Spiel, wenn euch die Gegner auf die Pelle rücken. Sie bauen ihre Bahnhöfe auch in euren Städten, erschließen selbst neue Möglichkeiten und manipulieren euch sogar mit Spionen, Attentaten oder sonstigen Dingen. Ganz nebenbei könnt ihr aber auch Firmenanteile erstehen und vielleicht sogar das gegnerische Unternehmen schlucken. Langweilig wird es garantiert nicht!

Sinnvolle Einstellungen und Updates

„Tschuu Tschuuuu!“ So in etwa klingen Züge in Railway Empire. In Sachen Soundkulisse gibt es wenig zu meckern, denn die Geräusche passen wunderbar ins Spiel. Die Dialoge sind herausragend gut geworden und die Charaktere deshalb sogar glaubwürdig. Häufiger hört man allerdings die Begleitmusik, während man selbst in luftigen Höhen steckt und Gleise verlegt. Optisch erwartet euch kein Feuerwerk, doch die Grafik passt zum Setting. Auf Wunsch zoomt ihr sogar stufenlos von über den Wolken bis hinunter ins Tipi der Indianer. Die gähnende Leere zwischen den Städten und Orten gewinnt keinen Schönheitspreis, sorgt dafür für ein butterweiches Spielerlebnis ohne jegliche Ruckler. Einzelheiten findet ihr hingegen bei den ganzen Zügen, die ihr euch auf dem Rangiergleis noch einmal in aller Ruhe anschauen dürft.

Apropos neue Züge: Diese erhaltet ihr nicht einfach so zugesteckt, ihr schaltet sie über das enorme Update-Menü frei. Hier verbessert ihr eure Züge bis zum Maximum, was am Ende in größeren Einnahmen mündet. Dabei sind so gut wie alle Updates sinnvoll und interessant, weshalb man oft vor der berühmten Qual der Wahl steht. Unterschiedliches Zugpersonal verfeinert den Einsatz der Züge noch weiter, denn der eine Heizer holt beispielsweise mehr Power aus der Lok, wodurch Fahrten über Berge einfacher gelingen. Als Bahnmogul muss man einfach so viel beachten! Und das ist zugleich vermutlich auch der größte Minuspunkt des Spiels: Der Umfang erschlägt unbedarfte Spieler schnell. Zwar bietet euch Railway Empire die Möglichkeit, die Abläufe zu vereinfachen – so fahren beispielsweise alle Züge auf Wunsch gleichzeitig auf einem Gleis –, doch gerade mit der Zeit und gegnerischen Unternehmen im Nacken entsteht oft massiver Druck, während man eigentlich ganz andere Pläne schmiedet und das Spiel erobern möchte. Außerdem fehlt leider die Möglichkeit, gegen andere Spieler anzutreten, was sicherlich durchaus interessant gewesen wäre.

Jeder Ort hat verschiedene Bedürfnisse und Güter im Angebot. Macht ihr die Städte glücklich, könnt ihr expandieren, wodurch natürlich noch mehr Geld in die Kasse fließt.

Fazit: Alles einsteigen, ich bin ein Fan!

Ja, ich finde Züge eigentlich noch immer doof, doch Railway Empire macht einfach so verdammt viel richtig, dass ich die Zeit immer wieder vergesse und nur noch Gleise in die Landschaft zimmere. Mutet der Umfang anfangs noch überschaubar an, entwickelt sich die Angelegenheit binnen weniger Stunden zu einem echten Brett. Hier fehlen Güter, dort steckt ein Zug fest, hier brauche ich noch Geld, während mein Konkurrent mir Innovationen stiehlt, ich dafür aber seine Züge überfalle. Argh! Die Liste an Möglichkeiten und Einstellungen ist einfach zu riesig, um sie herunterzubeten. Allerdings braucht man ein wenig Interesse an solchen komplexen Spielen, denn sonst verliert man angesichts all der Aufgaben und Herausforderungen schnell die Geduld. Super auch, dass Kalypso dem Spiel bereits das erste umfangreiche Inhalts-Update spendiert hat, dem noch weitere folgen sollen.

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