Mehr Action, weniger Survival Horror, das war zuletzt die Tendenz in der Resident-Evil-Reihe. Spätestens mit Resident Evil 6 mutierte die altehrwürdige Horror-Serie zum Third-Person-Shooter – sehr zum Unmut zahlreicher Fans. Doch damit sollte laut Entwickler Capcom nun Schluss sein, der siebte Serienteil würde zu den klassischen Wurzeln zurückkehren. Haben die Japaner Wort gehalten?

Von Stephan Petersen

Zumindest schlüpft der Spieler diesmal nicht in die Rolle eines bekannten Serien-Protagonisten. Chris Redfield und Co. müssen draußen bleiben, Held des Spiels ist Ethan Winters. Der ist kein Mitglied einer Spezialeinheit, sondern ein normaler Zivilist. So wie du und ich. Das lässt ihn verletzlicher erscheinen als es bei einem Elitekämpfer der Fall wäre. Unsere Heldenbrust wird jedenfalls nicht breiter; der potenzielle Angstfaktor steigt.

Ethan ist auf der Suche nach seiner Frau Mia, die vor drei Jahren verschwunden ist. Doch plötzlich, ein Lebenszeichen! Eine Videobotschaft von Mia, in der sie Ethan eindrücklich warnt: „Vergiss mich! Such mich nicht!“ Auf diese Warnung hätte der Empfänger besser gehört. Aber schließlich gibt es ja die guten und die schlechten Zeiten in einer Ehe, oder? Ethan scheint jedenfalls an den Bund fürs Leben zu glauben. Oder aber er vermisst es, wie Mia ihm immer die Frühstückseier zubereitet hat. So richtig erschließt sich mir seine Motivation jedenfalls nicht. Doch dazu gleich mehr.

Textzeilen für das Transformers-Publikum

Dank einer E-Mail von Mia kennt Ethan ihren Aufenthaltsort: eine Adresse in Louisiana. Der Zielort entpuppt sich als heruntergekommenes Herrenhaus und ist nicht so wie verlassen, wie es zunächst den Anschein hat. Herumliegende Zeitungsberichte, in denen von auffällig vielen vermissten Personen in der Region berichtet wird, sowie Hinterlassenschaften wie Fotos und Rücksäcke lassen nichts Gutes erahnen. Immerhin wird man recht schnell in einem Kellerverlies fündig. Das Wiedersehen zwischen Mia und Ethan läuft jedoch bemerkenswert emotionslos ab. So, als ob Mia zum Zigarettenautomaten gegangen wäre und die Kippen eigentlich schon seit fünf Minuten auf dem Wohnzimmertisch liegen müssten. Schwamm drüber, das wird bestimmt noch!

Wird es aber nicht. Was man an gesprochenen Textzeilen in Resident Evil 7 auf die Ohren bekommt, ist erschreckend schwach. Da wird die Leiche eines Polizisten mit einem „Armer Deputy“ quittiert – als müsste der Weihnachten und Silvester Dienst schieben und hängt nicht gerade kopflos an einem Kleiderhaken. Außer „Scheiße“ und „Mist“ hat Ethan Winters nicht viel zu sagen. Die Dialogzeilen scheinen für ein vierzehnjähriges Transformers-Publikum geschrieben worden zu sein. Schade, dass Capcom hier Potenzial verschenkt. Aber das kennt ja man bereits von anderen AAA-Spielen.

Packende Gruselatmosphäre

Ärgerlich ist das gerade deshalb, weil die Inszenierung des Spiels ansonsten voll überzeugt. Resident Evil 7 setzt auf ein geruhsameres Tempo als die Teile 5 und 6 und erinnert an den Klassiker aus dem Jahr 1996. Allerdings in einem frischen Gewand. Dazu gehört neben beeindruckender zeitgemäßer Optik mit atmosphärischen Licht- und Schatteneffekten eine Ego-Perspektive. Letztere ist eine gute Entscheidung, das Spielgefühl ist merklich beklemmender, insbesondere beim Aufdrücken der Türen. Diese Situationen erinnern an den Ladebildschirm des ersten Resident Evil – nur eben moderner und jetzt interaktiv.

“Resident Evil 7: Biohazard”: Angst und Schrecken im Herrenhaus.

Denn hier gilt: Wer zunächst durch den Türspalt späht, der lebt länger. Die Erkundung der Umgebung ist wieder ein spielbestimmendes Feature. Wenn ich durch das bizarre Herrenhaus schleiche, sorgen Ekel- und Schockeffekte für wohligen Gruselschauer – auch dank der starken Soundkulisse. Wenngleich es weniger Kämpfe als in den Vorgängern gibt, fühle ich mich niemals sicher. Ständig muss ich mit den Hauseigentümern und ihren Kreaturen rechnen. Das Szenario wirkt im ersten Moment zwar mehr wie The Texas Chain Saw Massacre als Resident Evil, spielt sich deshalb jedoch nicht minder motivierend. Im Gegenteil: Die bekloppte Baker-Familie kommt mir vor wie eine Horror-Variante der Edisons aus Maniac Mansion.

Alte Qualitäten, neu verpackt

Nicht nur die Rückbesinnung auf das langsamere Spieltempo gehört zu den Stärken von Resident Evil 7. Der Rätselanteil ist deutlich gestiegen, serientypisch wollen Objekte und Schlüssel(-teile) gefunden werden, um verschlossene Türen zu öffnen. Viel Gehirnschmalz ist dafür nicht vonnöten. Abwechslung bieten die Denksportaufgaben aber allemal. Knifflig ist hingegen die Inventarverwaltung, auch das eine Rückbesinnung auf den originalen Survival-Horror. Jedes Heilkraut ist kostbar, jede Patrone überlebenswichtig. Was also mitnehmen und was in einer der Lagerkisten zurücklassen?

“Resident Evil 7: Biohazard”: Jede Kugel ist kostbar.

Hier machen die Entwickler allerdings eine Verbeugung vor jüngeren Spielergenerationen. Auf einen eingelagerten Gegenstand habe ich in jeder Kiste Zugriff. Das ist nicht sonderlich logisch, aber zugegebenermaßen komfortabel. Auch beim Speichersystem geht Capcom mit der Zeit. Zwar darf ich nur auf im Haus und der Umgebung verstreuten Kassettenrekordern speichern, dafür aber mehrmals. In ersten Resident Evil gab es hingegen nur eine begrenzte Speicheranzahl in Form von Farbbändern für Schreibmaschinen. Immerhin: Auf dem freischaltbaren höchsten Schwierigkeitsgrad benötigt man Audiokassetten zum Speichern.

Versprechen gehalten?

In der zweiten Spielhälfte nutzt sich der Gruselfaktor schließlich etwas ab, wenn das Inventar und die Lagerkisten sich allmählich füllen und ich nicht mehr nur mit Pistole und Messer, sondern mit Flammenwerfer und Granatwerfer unterwegs bin. Zudem mangelt es neben den toll inszenierten Bosskämpfen an Gegnervielfalt. Dafür motiviert mich die Story (ja, trotz der Texte) rund um Mia, die Baker-Familie und grausame Experimente bis zum Finale, wo schließlich eine nette Reminiszenz an das erste Resident Evil wartet. Chris Redfield und Co. müssen draußen bleiben? Nun ja, nicht ganz.

“Resident Evil 7: Biohazard”: Was wartet hinter der nächsten Tür?

Haben die Japaner also ihr Versprechen gehalten? Ja! Resident Evil 7 kehrt tatsächlich zu den klassischen Horror-Wurzeln zurück – mit mehr Rätseln, Erkundung und Kopfkino als Action. Wenn Letztere jedoch in Form von Bosskämpfen auftritt, dann richtig packend. Gleichzeitig bekommt das Konzept einen frischen Anstrich in Form aktueller Technik sowie einem klassischen, aber modernisierten Speicher- und Inventarsystem. Ein Spiel, das sich defintiv lohnt – auch in der gelungenen Version für PlayStation VR.

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