Der große Hype um Pokémon Go ist mittlerweile abgeebbt. Die täglichen TV-Berichte über „das Phänomen“ sind vorbei, und auch die „besten Tipps & Tricks“ für Taschenmonster-Fänger sind auf Websites und in Magazinen eher selten geworden. Aber dennoch ist Nintendos Smartphone-Spiel weiterhin sehr präsent. Es wird immer noch von Millionen gespielt, und beim Gang durch die Stadt sind die Pokémon-Go-Spieler weiterhin gut erkennbar. Denn gleich Science-Fiction-Filmen wie Midnight Special oder Parallels existiert die virtuelle Welt von Pokémon Go direkt neben der unsrigen. Ebenso wie auch die Universen von anderen Location-based Augmented-Reality-Games wie Ingress, Run An Empire, Shift, Code Runner oder auch Mafia Wars.

Von Michael Förtsch

Für Unwissende sind diese digitalen Welten freilich unsichtbar. Für die AR-Gamer stellen sie hingegen einen Spielplatz und eine Möglichkeit dar, die ihnen sonst so bekannten Umgebungen mit neuen Augen zu erblicken. Denn die Basis für derartige Games sind die Geographie und Infrastruktur unserer realen Welt – eben unsere urbanen und ruralen Lebenräume. Auf dem Smartphone werden die mit einer virtuellen Decke von Zielen, Gefahren und Aufgaben überlagert. Das sind dann Portale, fliegende Roboter, zu erobernde Gebiete, feindliche Mafia-Geschäfte oder eben die Taschenmonster, Pokéstops und Arenen aus dem Niantic-Nintendo-Hit.

Bislang waren diese Spiele eine nerdige und für viele gut ignorierbare Nische. Aber Pokémon Go hat das schlagartig geändert. Zu seinem Peak im Juli 2016 sollen zwischen 45 und 50 Millionen Menschen zu Fuß, mit dem Wagen oder auf dem Fahrrad durch Städte, Dörfer und das Hinterland gezogen sein. Dabei steuerten sie allesamt die mehr oder minder gleichen Orte an: eben Pokéstops und Arenen, die sich an großen und kleinen „Sehenswürdigkeiten“ befinden – und natürlich jene Areale, an denen besonders seltene Pokémon aufpoppen.

Damit wurden erstmals die potenziellen Implikationen derartiger Games spürbar. Denn auch wenn die Paralleldimensionen nur auf Smartphones und Serverfarmen existieren, kollidieren sie doch mit unserer stofflichen Realität – dem öffentlichen und privaten Raum.

Es klang zunächst wie ein blöder Witz. Aber die Stadt Düsseldorf hatte beispielsweise die kleine Girardet-Brücke an der Kö für Fahrzeuge gesperrt, nachdem sich auf ihr dauerhaft dutzende Pokémon-Go-Spieler versammelten. Dafür war die Brücke nicht ausgelegt. Absperrgitter und Dixi-Klos wurden aufgestellt. Ebenso wurden Service-Mitarbeiter abkommandiert, die den Andrang kontrollierten. Die Stadt traf das unvorbereitet.

Das ist eigentlich weder albern noch einfach mit einem Kopfschütteln abzutun, sondern ein prägnantes Beispiel, wie kleine Monster und einige Pokéstops urbane Systeme bedrängen und zum Stillstand bringen können. In diesem Fall den regulären Straßenverkehr. Ziemlich massiv.

Ähnliches ist auch im New Yorker Central Park zu sehen gewesen. Da die Pokémon-Trainer dort gut Beute machen konnten und immer noch können, war der Park während des Sommers 2016 über den Durchschnitt hinaus belebt. Abertausende Bewohner der Metropole und Anreisende aus dem Umland zogen alleine oder in organisierten Gruppen auf Safari umher. Die U-Bahnen zu den Stationen rund um den Park waren zur Mittags- und Feierabendzeit prall gefüllt. Auch Taxifahrer sollen mehr zu tun gehabt haben. Die Parkpfleger der Central Park Conservancy kämpften gegen ungekannte Müllmengen. Dazu wurden immer neue Trampelpfade von den Spielern durch das Grün geschlagen. Heißt: Die Aufgabenstellung und die fiktive Welt des Games pauscht sich auf die reale Umwelt durch – und wird für andere sicht- und spürbar.

Vergleichbares hat auch der Pokémon-Go-„Vorläufer“ Ingress schon geschafft. Allerdings alleinig bei seinen sogenannten Anomalien. Das sind von Entwickler Niantic geplante und groß angelegte Events, bei denen sich Tausende Spieler der beiden konkurrierenden Teams in bestimmten Städten zusammenfinden und sich gegenseitig Portale abjagen. Bei einer der zuletzt größten Anomalien, der Aegis Nova, strömten Massen von Spielern durch die Straßen von Tokio. Auf Twitter finden sich Einträge darüber, wie sie den Verkehr in Seitenstraßen zum erliegen brachten und reihenweise Anwohner verwirrten.

Wenn schon das nerdige Ingress derartiges hinkriegt, wie sähe ein ähnliches Event bei Pokémon Go oder dem nächsten großen Augmented-Reality-Ding aus? Jedenfalls könnte derartiges die Infrastruktur und die Verkehrsführung großer und kleiner Städte auf eine Probe stellen. Tatsächlich sollten die Erfahrungen mit Pokémon Go und Ingress zum Nachdenken anregen. Denn, ja klar, der Pokémon-Go-Hype ist vielleicht abgeflacht, aber er war auch ein Leuchtfeuer, dass viele erstmals auf diese Art Games aufmerksam machte. In wenige Jahren könnten sie nicht mehr nur ein Buschfeuer oder Nerd-Ding sein, sondern zum Alltag vieler Menschen zählen. Spielermassen wie beim Pokémon-Go-Peak könnten dann die Norm darstellen – Städte müssten sich darauf vorbereiten und darauf zu reagieren lernen.

Was ich damit meine? Erstmal ganz banale Dinge: Bei den in Augmented-Reality-Spielen frequentierten Orten müssen wohl mehr Mülleimer oder Toiletten bereitgestellt werden – und die Stadtreinigung vielleicht öfter mal vorbeischauen. Auch öffentliche WLAN-Hotspots an derartigen Locations wären keine schlechte Idee oder Solarladestationen für die Smartphones. Extra-Waggons für Trams und U-Bahnen zu nahe gelegenen Haltestellen könnten erforderlich sein. Ebenso boten und bieten schon jetzt weltweit UBER-Fahrer und Taxi-Unternehmen oder in München die bekannten Rikscha-Fahrer spezielle Pokémon-Touren an. Was momentan wie ein witziges Kuriosum wirkt, könnte langfristig den Verkehrsfluss von Städten prägen und verändern und somit Einfluss auf die Verkehrsplanung haben.

Gleichsam müssten auch Polizeibeamte geschult werden, Situationen neu zu beurteilen. Der afroamerikanische Journalist Omari Akil hat etwa für sich entschieden, dass das Spielen von Pokémon Go für ihn und andere Gefängnis oder Tod zur Folge haben könnte. Allzu schnell könnte das Umherschleichen auf Parks, bei Spielplätzen und Wohnanlagen von Polizeibeamten „missverstanden“ werden. Zu einfach könnten man ihn für einen Einbrecher oder Entführer halten. „Ich könnte sterben, wenn ich weiterspiele“, fürchtet er.

Auch für Unternehmer und Einzelhändler werden Augmented-Reality-Games wohl die aktuellen Spielregeln umschreiben. Schon jetzt locken Cafés und Restaurants Pokémon-Go-Spieler in ihre Geschäfte. Sei es mit den kaufbaren Lock-Modulen, die für eine halbe Stunde besonders viele Pokémon anziehen oder Pokéstops und Arenen, die sich mehr oder minder zufällig unmittelbar vor den Geschäften finden. Starbucks, McDonalds und verschiedene Einkaufszentren – auch in Deutschland – haben schon Kooperationsverträge mit Niantic und Nintendo geschlossen, sodass direkt in ihren Geschäften Pokéstops auftauchen. So könnte in Zukunft vielleicht nicht nur das reale Umfeld den Erfolg eines Unternehmens und den Preis einer Immobilie bestimmen, sondern auch das virtuelle Ambiente.

Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis die erste Klage ansteht, weil Niantic vielleicht einen Pokéstop oder die Macher eines zukünftigen AR-Games einen virtuellen Hotspot entfernen und damit ein Geschäft ins Umsatzminus treiben; oder ein Geschäft auf der anderen Straßenseite mit einem digitalen Lockpunkt die Laufkundschaft abzieht. In Verkaufsanzeigen für Grundstücke, Appartements und Gewerbezeilen finden sich schon Punkte wie „Pokéstop vom Haus und zwei vom Garten aus erreichbar“.

Doch viel grundsätzlicher ist noch die Frage, wem eigentlich der virtuelle Parallelraum gehört, für diesen rechtlich verantwortlich ist und so vielleicht ebenso für das Treiben der Spieler und eventuelle Schäden haftet? Zumindest für die USA könnte diese Frage bald akut werden. Denn dort hat schon ein Hauseigentümer Niantic, Nintendo und The Pokémon Company verklagt, da ständig Spieler über sein Grundstück wandern würden. Auch in Deutschland wird Klärungsbedarf da sein. Müssen etwa Verwalter von Friedhöfen, Privatpersonen oder Supermarkt-Eigentümer die Pokéstops und andere digitale Wegmarken vor oder auf ihrem Grund dulden?

Klar, was wir mit Pokémon Go erlebten, war schon eine Ausnahmeerscheinung unerwarteten Ausmaßes. Aber auch eine, die wohl einen Ausblick auf das gibt, was in der zunehmend vernetzen und gamifizierten Zukunft normal sein könnte. Etliche Entwickler arbeiten aktuell an Augmented-Reality-Games und hoffen auf ähnlichen Erfolg, wie ihn Nintendo und Niantic feierten. Das wird unsere Gesellschaft, unsere urbanen Strukturen, den öffentlichen Raum aber vor allem Stadt- und Verkehrsplaner sowie Sicherheitsexperten vor Herausforderungen stellen, die bislang weder genug be- noch durchdacht wurden.

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