spielejournalist.de-Autor Sebastian Essner durfte Nintendos neue Hybrid-Konsole Switch auf einer Präsentation in Frankfurt bereits ausgiebig unter die Lupe nehmen. Sein subjektiver Erfahrungsbericht.

Von Sebastian Essner

13. Januar 2017, 4:55 Uhr, der Wecker klingelt: Der große Switch-Tag ist gekommen. Er beginnt mit dem Livestream von der Präsentation in Tokio, und anschließend darf ich die kommende Nintendo-Konsole selbst auf einem Presse-Event in Offenbach bei Frankfurt begutachten. Ganz wach bin ich noch nicht – aber hey, da muss ich jetzt durch. Kaffeemaschine und PC an, der Stream startet.

Nach einigen positiven Überraschungen (der Switch-Launch ist am 3. März 2017, etwas früher als der zunächst vermutete 17. März), Ernüchterungen (der Preis liegt mit 299 Dollar an der absoluten Obergrenze) und falschen Vermutungen (kein Red Dead Redemption 2 , dafür 1-2-Switch) begebe ich mich zum örtlichen Bahnhof und trete den Weg nach Offenbach an, wo Nintendo sein neues Baby in der Event-Location K39 zeigt.

The Legend of Zelda: Breath of the Wild

Dort angekommen, führt mich mein erster Weg direkt zum opulenten Stand von The Legend of Zelda: Breath of the Wild, wo ich auch auf Anhieb einen Anspiel-Slot ergattere. In den folgenden 20 Minuten erkenne ich schnell, dass Nintendo hier die gewohnte Serienqualität in einer gefühlt etwas leblosen offenen Spielwelt bietet. An manchen Stellen der Demo habe ich den Eindruck, dass die Japaner fast krampfhaft ein gut funktionierendes Action-Adventure-Konzept in eine Open-World-Struktur packen wollen und dadurch bisweilen Leerlauf entsteht. Während etwa bei The Elder Scrolls V: Skyrim ständig etwas zu tun ist oder jemand um mich herumwuselt, herrscht hier mitunter eine auffällige Sterilität.

Ein paar Worte zur Technik der Zelda-Demo: Bei Kameraschwenks ohne großartige Action ruckelt das Geschehen gerne mal – und das beim Launch-Titel einer neuen Hardware! Außerdem registriere ich deutliche Popups und aufpoppende Texturen. Ist dieser Umstand der speziellen frühen Messeversion geschuldet oder die Switch einfach überfordert? Vom Standpersonal kann ich diesbezüglich keine ergänzenden Informationen erwarten; die Kenntnisse des mich betreuenden jungen Mannes gehen nicht weit über den aktuellen Serienteil hinaus. Mir ist nicht ersichtlich, ob die Switch technisch mehr als der direkte Vorgänger kann. Nintendo selbst spricht inzwischen von einem Auflösungsunterschied von 900p (Switch) zu 720p (Wii U). Digital Foundry ergänzte später, dass besagte Auflösung nur in der stationären Fassung erreicht wird, portabel bleibt es bei 720p. Brauchen rein stationäre Spieler also überhaupt eine Switch? Hmmm.

Mario Kart 8 Deluxe

Als nächstes geht’s zum Stand von Mario Kart 8 Deluxe. Herzstück ist hier ein Tisch, an dem acht Switch-Tablets zu gepflegten Mehrspieler-Duellen einladen. Während der an sich sehr spaßigen Partien frage ich mich immer wieder, wo die Änderungen zur Wii-U-Version sind. Vor allem optisch sollte der Titel auf einem neuen System nach drei Jahren einfach besser aussehen, vor allem auf einem kleineren Bildschirm. Sicher, ich kann den Fun-Racer jetzt auch unterwegs spielen. Doch Nintendo bleibt mir erneut eine Antwort schuldig, inwiefern das hier jetzt der große Fortschritt sein soll. Und ob ich mich wirklich mit zwei Spielern mobil vor dem kleinen Switch-Tablet versammle und den Titel mit den etwas fummeligen Joy-Cons steuere (so wie es im Ankündigungs-Trailer vergangenen Oktober zu sehen war)? Eher nicht.

Futter für Casuals

Mit ARMS (eine Art Next-Gen-Punch-Out!! mit Bewegungssteuerung per Joy-Con) und 1-2-Switch, die beide ziemlich zentral mit großen Ständen vertreten sind, will Nintendo ganz klar die Gelegenheitsspieler ansprechen. Und ja, beide Games sind schnell verstanden und machen wirklich Spaß – eben wie damals, als die erste Wii samt Wii Sports erschien.

Nächtelange Sitzungen damit kann ich mir jedoch nicht vorstellen, zumal ich mitunter länger auf die Reaktionstests von 1-2-Switch warte, als sie wirklich zu spielen. Einzig das Tresorknacken ist richtig spaßig und fühlt sich innovativ an. Ob ein (ehemaliger) Wii-Spieler dadurch aber mit wehenden Fahnen zur Switch wechselt, bezweifle ich ebenfalls – und es wäre sicher eine gute Idee, die Compilation der Konsole beizulegen, unterstreicht sie doch die einzigartigen Fähigkeiten der Hardware.

Bei dem an sich sehr spaßigen Splatoon 2 frage ich mich in Bezug auf Wii-U-Spieler übrigens dasselbe, da der Spaß-Shooter dem Vorgänger einfach viel zu ähnlich ist und der mobile Aspekt hier eigentlich noch weniger ins Gewicht fällt. Snipperclips macht hingegen von den neuen Steuermöglichkeiten der Switch Gebrauch, aber auch hier gilt: nett für zwischendurch, aber für eine längere Session nur bedingt geeignet.

Unspektakuläre Third-Party-Software

In einer Ecke der Halle entdecke ich eng zusammengerückt Spielstationen mit Third-Party-Titeln. Disgaea 5 Complete ist dabei offenbar identisch zur bereits länger erhältlichen Fassung für die anderen Konsolen und bietet keine speziellen Extras, um Zweitkäufer anzulocken.

Sonic Mania soll dagegen „ein neues Spiel in ein altes Gewand kleiden“ (O-Ton Standpersonal), wobei die riesigen Pixel auf einem Full-HD-Fernseher schon arg klobig aussehen und das Leveldesign repetitiv wirkt.

Fast RMX war schon auf der Wii U als Fast Racing Neo ein sehr schickes Spiel und ist auf der Switch garantiert nicht schlechter. Hier gab im Laufe des Tages von allen Third-Party-Titeln die längsten Schlangen zu verzeichnen.

Has-Been Heroes wirkt beim Zusehen chaotisch, entpuppt sich beim Antesten aber als kurzweiliger Action-Titel, in dem sich drei Helden auf vorgegebenen Bahnen bewegen und Monster verkloppen müssen. Erscheint im März aber nicht nur für die Switch, sondern zusätzlich auch für PS4 und Xbox One.

Ultra Street Fighter II: The Final Challengers ist eine exklusive Neuauflage von Street Fighter II: The World Warrior von 1991 mit sehenswerter Cell-Shading-Grafik, gefühlt zu wenigen Bildern pro Sekunde und bewährtem Gameplay.

Super Bomberman R dürfte vor allem mit mehreren Spielern ein Spaßgarant sein, aber dafür steht die Bomberman-Reihe ja schon seit vielen Jahren.

Skylanders Imaginators, das optisch offenbar nicht mit der PS4-Version mithalten kann, sowie Just Dance 2017 runden die insgesamt unspektakuläre Palette an Third-Party-Games ab. Schade, ein Blick auf das neue FIFA, das ja auf der Switch angeblich richtig gut werden soll, oder ein NBA 2K18 wären auch noch fein gewesen. Von einer echten Third-Party-Überraschung fangen wir gar nicht erst an.

Was sagt Nintendo Deutschland?

Später läuft mir Bernd Fakesch, General Manager von Nintendo Deutschland über den Weg. Ich frage ihn zunächst, wie Nintendo mit der Switch gegen die schier übermächtigen Smartphones und Tablets ankommen will. Fakesch erklärt mir, dass ein Smartphone vor drei oder vier Jahren ein echtes Statussymbol war und die Leute heute wieder auf mehr Qualität bei den dortigen Spielen achten würden. Ich teile diese Auffassung zwar nicht, verstehe aber den Gedanken dahinter – zumal dem Nintendo-Mann deutlich mehr Verkaufsindikatoren als mir zugrunde liegen.

Interessant ist, dass er die kolportierten drei Prozent an zahlenden Spielern für den Smartphone-Hit Super Mario Run in diesem Zusammenhang generell nicht abstreitet und sie lediglich nebenbei als „etwas höher“ bezeichnet. Grundsätzlich sieht er die Schnittmenge bei den Bedürfnissen von stationären und portablen Spielern als größer als vermutet an, was ich aus Erfahrung nur bedingt teile. Ich bin mir da nämlich gar nicht so sicher. Will ich auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn wirklich ein episches Rollenspiel wie Skyrim spielen? Oder reicht da nicht auch das kurze und kostenlose Candy Crush Saga aus?

Bernd Fakesch von Nintendo Deutschland spricht, und alle hören zu.

Blick auf die Hardware

Nun finde ich endlich Zeit, mir die einzelnen Elemente der Switch-Hardware in einem ausgestellten Glaskasten näher anzusehen. Das Display ist tatsächlich nicht so viel größer als mein Samsung Galaxy S5, und die Joy-Cons dürften schon für normal große Hände etwas zu klein sein. Der Pro-Controller machte dagegen bereits bei sämtlichen Spielen einen guten Job, wirkt aber nicht so organisch entwickelt wie die Pads von PS4 und Xbox One – nicht ganz verwunderlich, haben Letztere doch vieljährige Evolutionen über mehrere Konsolengenerationen hinter sich.

Bevor ich die Halle verlasse, genieße ich noch einmal den Trailer zu Super Mario Odyssey in einem kleinen abgetrennten Kino. Während der Kult-Klempner in gewohnter Manier durch knallbunte Welten hüpft und im Stil von Sonic Adventure luftige Höhen erklimmt, stelle ich fest, dass Nintendo mir noch viele Antworten schuldig bleibt. So wurde weder in der morgendlichen Tokio-Präsentation noch auf dem Offenbach-Event auch nur einmal die Virtual Console erwähnt. Zudem weiß immer noch nicht, was mit meiner bisherigen Software für Wii U und 3DS geschehen wird. Ist die Konsole wirklich nicht abwärtskompatibel oder gibt es vielleicht doch eine digitale Lösung über den eShop? Und wie will Nintendo diesmal die Dritthersteller langfristig an sich binden? Hier muss das Unternehmen erst noch klarere Statements abgeben, bevor ich vollends von der Switch überzeugt bin.

Denn abgesehen von meinen genannten Kritikpunkten: Nintendo hat es mal wieder geschafft, mich mit einem interessanten Konzept auf seine kommende Konsole neugierig zu machen. Die Switch könnte tatsächlich eine „echte Spaßmaschine“ werden, wie spielejournalist.de-Autor Michael Förtsch in seinem Hands-on-Artikel für WIRED schreibt. Bald werden wir mehr wissen.

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