Ich werde nicht versuchen, die Ereignisse von Resident Evil 4 in das verknotete Geschwulst der Horrorspiel-Saga einzuordnen – ich bin auch nur ein Mensch. Aber doch zwei Sätze zur Ausgangssituation: Der aus dem zweiten Teil der Reihe bekannte Polizist Leon Scott Kennedy ist nunmehr zu einer Art Ein-Mann-Armee ausgebildet worden. Er befindet sich zu Spielbeginn im dunklen Europa, in einem spanischen Kaff. Seine Mission ist es, ein quitschendes Schulmädchen aus den Fängen geheimnisvoller Entführer zu befreien. Das Entführungsopfer ist Ashley Graham, die Tochter des US-Präsidenten. Da muss Leo natürlich ran – und wir kommen gerne mit.

Von Stefan Wild

2005 wurde Resident Evil 4 als großer Erneuerer gefeiert. Shinji Mikami, der Papa der Serie, scheute sich nicht, das Konzept seines Babys radikal zu überdenken. Heraus kam das prototypische Actiongame im Horror-Gewand: Die vorgegebenen Kameraperspektiven der ersten drei Teile wurden gegen den Blick über die Schulter eingetauscht, so war es möglich, besser zu zielen. Ein Händler-System ermöglichte es, neue Waffen zu kaufen und diese auch zu verbessern,  der Spieler konnte sich nun stets mit neuen Wummen ausrüsten. Vor allem aber wurden nun ganz, ganz viele Zombies auf uns losgelassen. In den Spielen zuvor waren es nur hier und da mal welche. Oder so.

Jedenfalls lautete der Kanon damals, und er lautet auch heute noch: Resident Evil 4 ist superfresh und crazygut. Interessanterweise äußerten Fans und auch die Presse seitdem zunehmend Unmut über den Action-Fokus der folgenden zwei Spiele der Serie, obschon diese die Ideen des vierten Teils konsequent weiter dachten. Heute heißt es bekanntlich: „So geht es nicht weiter! Teil sieben muss jetzt wieder ganz weit zurück zu den Anfängen, als der Grusel im Vordergrund stand!“ Und freilich: Capcom gehorcht, gutes Capcom.

Spielspaß statt Horrorshow

Nur: Gruselig ist auch Resident Evil 4 sicher nicht. Mein Eindruck könnte allerdings auch von der albernen Story herrühren. Da schon die erste Sequenz das Klischeefass zum überlaufen bringt, war es mir unmöglich, das Weitere ernst zu nehmen. Und was soll ich sagen? Ohne diesen Anspruch spielt sich das Game richtig gut!

"Resident Evil 4": Immer noch ein toller Actionspaß.

„Resident Evil 4“: Immer noch ein toller Actionspaß.

Eigentlich wissen wir es längst. Die übertrieben tiefe Stimme, die zu Beginn eines jeden Resi-Teils den Schriftzug des Titelbildschirms vorliest, wenn man das erste Mal auf „Start“ drückt, ist doch ein Wink mit dem Zaunpfahl! Nicht Angst und Schrecken erwarten euch, sondern Fun und Charme. So sei es denn.

Nachdem ich meine Erwartungen also erfolgreich von „Horror-Erlebnis“ auf „Actiongame“ polen konnte, begann ich, das Spiel zu genießen. Okay, auch ich musste ob der unglaublich behäbigen Steuerung und der viel zu unflexiblen Kamera das ein oder andere mal leise „Fuck it!“ fluchen. Bärenfallen auf dem Boden, Zombies, die im Rücken spawnen? Die Kamera versteht es, einem wichtige Informationen vorzuenthalten. Die Steuerung indes lässt keine spontanen Reaktionen zu. Es ist, als würde man einen Panzer bedienen…

Doch das Spiel ist über zehn Jahre alt! Ein echter Videospielgreis!

Außerdem soll die fiese Steuerung zum bedrohlichen Spielgefühl beitragen. Der Spieler wird absichtlich in seiner Handlung eingeschränkt. So machen die Entwickler die begrenzten Möglichkeiten eines durchschnittlichen Polizisten über das Gameplay erfahrbar. Ach nein, halt, dieses schöne Totschlag-Argument kann hier leider nicht greifen. Wir erinnern uns: Leon ist der krasseste Cop, den der Präsident zu bieten hat.

Spieldesign zum Verlieben

Ashley hingegen ist übrigens extrem unkrass. Sie kann zum Beispiel keine Leitern herunterklettern. Ist nicht drin. Doch das macht nichts, denn wir fangen sie auf! Auch Leon ignoriert übrigens die hilfreichen Sprossen. Er lässt sich nicht lumpen und macht die Action-Rolle, wann immer es abwärts geht. Cool.

"Resident Evil 4":

„Resident Evil 4“: Höllisch gut.

Dabei ist das Gamedesign so gut durchdacht, dass solche Albernheiten schnell in Mark und Bein des Spielers übergehen, weil sie nicht aufhalten oder ablenken, sondern Teil eines großen Ganzen sind. Dazu zählen auch die zu Beginn völlig deplaziert anmutenden Schatztruhen und sinnlosen Klunker, die man überall findet. Denn sinnlos sind sie mitnichten: Immer, wenn ein blaues Flämmchen lodert, heißt es: Shoppingtime! Der unfassbar coole Händler, der sich an strategisch günstigen Stellen in der dichten Spielewelt herumdrückt (oder sind es mehrere Händler?), hat stets neue Waffen und Upgrades am Start, die das Spielgefühl des Fortschritts ständig untermauern.

Auch sorgt der moderate Schwierigkeitsgrad dafür, dass es nie zu frustig wird. Es geht immer weiter – und weiter will man auch, denn das Pacing ist geradezu meisterlich. Actionreiche Sequenzen werden durch (dann doch) atmosphärische Erkundungstouren abgelöst. Die Bosskämpfe lassen einem zunächst (dann doch) das Herz in die Hose rutschen und spielen sich dann angenehm fair. Die notorische Munitionsknappheit macht das Spielerlebnis ganz delikat. Dabei scheint stets im richtigen Moment eine Packung mit den seltenen Patronen aufzutauchen. So wird das Survival-Horror-Spielgefühl wenigsten in diesem Aspekt aufrecht erhalten, ohne dass Frust entstünde.

Hinzu kommt mein persönliches Highlight von Resident Evil 4: die grandiose Musik. Die deepen Loops, die etwa einsetzen, wenn man in die Nähe einer Schreibmaschine kommt, wenn man beim Händler seine Pesos verbrät oder wenn die Zombies spawnen, diese Loops sind Gänsehautzupfer der ersten Güteklasse! Sogar die Melodie im Speichermenü ist so einprägsam und vielschichtig, dass es eine Freude ist. Vordergründig melancholisch und beruhigend, dabei mit einem Anflug von Mystik und Ungewissheit im Unterton, transportiert sie chaotisch schreiende Panik hinter der Oberfläche. Sie verfolgt mich im Schlaf und lähmt mich vor Angst.

Oder höre ich Dinge, die nicht da sind? Stimmt etwas nicht mit mir? Als ich vor einigen Tagen erwachte, bemerkte ich einen kleinen Stich im Nacken. Seitdem fühle ich mich manchmal komisch. Wenn ich aber huste, habe ich einen blutigen Geschmack im Mund.

Ich glaube, ich muss mal zum Arzt.

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