Beginnen wir am besten mit einem Geständnis: Ich habe mich geirrt. Das ist etwas, das ich nicht sonderlich oft und schon gar nicht gerne sage. Menschen, die mich kennen, können das bezeugen. Als nämlich vor mehreren Jahren die ersten Let’s Player Aufmerksamkeit auf sich zogen, auf YouTube erst Hunderttausende und dann Millionen Views sammelten, war ich überzeugt, dass man dieses Phänomen getrost ignorieren könnte. Ähnlich wie ich das seinerzeit beim aufkommenden 3D-TV-Hype meinte.

Von Michael Förtsch

„Wer will denn schon anderen beim Spielen zuschauen, wenn man doch selbst zocken kann?“, fragte ich selbstsicher. Aber so einfach war und ist es eben nicht; wie viele Dinge nicht so einfach sind. Bei Let’s Plays geht es nämlich nicht nur ums Spielen oder die Spiele. Für viele ersetzen sie mittlerweile schlicht die primäre Passivunterhaltung – eine Funktion, die zumeist bislang das Fernsehen eingenommen hatte. Es ist das „neue Programm“, das einfach nebenbei läuft, während man aktiv etwas anderes tut. Let’s Plays können ein beruhigendes und angenehmes Grundrauschen darstellen, während man selbst spielt, Hausarbeit erledigt oder Hausaufgaben abarbeitet. Das weist zugleich auch auf ein Vakuum der etablierten Bewegtbildmedien hin, die das Interesse an Videospielen oder Videospielkultur, das eine breite Schicht der Bevölkerung hat, nicht befriedigen kann oder will.

Dazu offerieren Let’s Plays beim aktiven Schauen die Möglichkeit, ein Videospiel mitzuerleben, ohne selbst Geld oder Mühe investieren zu müssen. Sie geben einen guten Einblick in „die Realität des aktiven Spielens“ – einen besseren, als Trailer oder Texte vermitteln können. Dazu treibt viele Let’s-Play-Fans offenbar die gleiche Motivation, die dahinter steht, wenn man Freunden beim Zocken zugeschaut hat und nebenbei über das zu sehende quatscht. Der Let’s Player selbst addiert nämlich zum bloßen Spielinhalt eine starke soziale Komponente. Denn durch den Kommentar, den sprechenden Spieler, simulieren die Videos eine gesellschaftliche und intime Situation.

Nichtsdestotrotz kann ich mit dem überwiegenden Teil der Let’s Plays nichts anfangen. Sie nehmen mich nicht gefangen und können mich nicht begeistern. Dabei sprechen sie mich nicht nur nicht an, sondern schrecken mich oftmals sogar ab. Meine Erklärung dazu, warum das so ist, ist furchtbar simpel aber dennoch vielschichtig: sie sind einfach nicht für mich gemacht!

Das ist aber nicht schlecht und weder den YouTubern oder mir selbst vorzuwerfen. Denn offenbar treffen sie einen Ton, der durchaus unzählige Gamer begeistert. Auch handwerklich agieren viele Let’s Player beeindruckend professionell und kontrolliert: Sie bauen ein parasoziales Verhältnis zu ihrer Zuschauerschaft auf, bedienen sich einer bindenden Ansprechhaltung auf „Augenhöhe“ und setzen mit schnellen Schnitten und Wieder-Ansprachen gut getaktete „Re-Hooking“-Impulse.

Ganz ehrlich: Was Erik Gronkh Range, Felix PewDiePie Kjellberg und viele andere tun, ringt mir Respekt und Anerkennung ab. Sie sind begnadete Entertainer und charmante Persönlichkeiten. Was sie können, tue und kann ich nicht. Dass sie mit dem Spielen und Reden nicht nur ihren Lebensinhalt bestreiten, sondern damit auch ein kleines Vermögen machen, ist toll und echt bewundernswert – und wohl einfach verdient. Ich gönne es ihnen! Ich selbst tue mich schon schwer dabei, meine eigene Stimme im Radio oder einem Podcast zu hören.

Aber ich schweife ab. Warum kann ich also mit Let’s Plays nichts anfangen? Nun: Ich gehöre einfach nicht zur angepeilten Zielgruppe – deren Alter sich angeblich zwischen 13 und 20 Jahren bewegt. Damit geht einher, dass ich nicht auf den Stil anspringe und mich die Kommentare nicht interessieren, die auf eben jenes Publikumsspektrum zugespitzt sind. Zu „jugendlich“, teils plump – und ohne zu generalisieren – pubertär und unreflektiert ist mir das alles. Oftmals wird das Spiel zur Nebenrolle oder zum Vehikel für eine thematisch komplett abseitige Erzählung degradiert. Natürlich auch hier: Das ist vollkommen legitim und funktioniert scheinbar auch. Dennoch würde ich mir Let’s Plays wünschen, die sich den Spielen auf kontemplativer Basis nähern, auf, sagen wir arte-Niveau; sie nicht nur zeigen und überquatschen, sondern tatsächlich besprechen. Natürlich gibt es positive Beispiele und Ansätze: Ich mag’s etwa, was die Kollegen von GameTube oder den Rocket Beans tun.

Dennoch hat das Let’s Play als Medium so unglaublich viel ungenutztes Potenzial: Man könnte den Games hier mit analytischem Respekt und Eifer begegnen, ihre Mechaniken, ihre Narrative und Gestaltung reflektieren; erklären, warum, was wie geschieht und gestaltet ist. Während des Spielens könnten Situationen hinterfragt und dekonstruiert werden – vielleicht nicht als klassisches Let’s Play, sondern eher als Let’s Show… ein Let’s Analyse. Warum sind Levels so aufgebaut, wie sie es sind, wie wird der Spieler mit Color-Coding geführt oder wo zieht der Endowed Progress Effect? Welche Mechaniken wirken darin? Welche Motive werden adressiert und welche Fragen werden gestellt? Bioshock, SOMA, The Stanley Parable, The Beginner’s Guide, Limbo, Inside und Abzu wären perfekt dafür. Ebenso könnte über die Entstehung, die Geschichte und die Macher jener Games erzählt oder debattiert werden; vermittelt werden, dass Games nicht einfach nur Produkte und Zeitvertreib sind, sondern Kunstfertigkeit, Arbeit und Kreativität repräsentieren. In Let’s Plays kann man das zeigen!

Ich fordere hier keine Kulturkritik und möchte erfolgreichen und viel geschauten Let’s Playern auch kein Banausentum oder eine Unkultiviertheit unterstellen. Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall. Denn so einige von ihnen hätten sicherlich die Kapazität, um eine unterhaltsame Besprechung mit Tiefgang zu stemmen. Ja, natürlich habe ich hier auch leicht reden. Ich habe keine Ahnung, ob ein derartiges Format tatsächlich funktionieren würde, wie schwer oder einfach es zu gestalten oder fabrizieren wäre – oder ob letztlich etwas herauskäme, was überhaupt noch ein Let’s Play ist. Jedoch wäre es großartig zu sehen, wenn sich Let’s Player dem Medium Videospiel mit dem Respekt und Anspruch nähern würden, den es sich eigentlich in den letzten Jahrzehnten so hart verdient hat.

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