Origins Systems war in den 1980er und 1990er Jahren ohne Frage einer der bedeutendsten Entwickler. Vor allem die Computerspielserien Ultima und Wing Commander sind eng mit der Erinnerung an das 2004 aufgelöste Studio verknüpft. Weniger bekannt ist in Deutschland hingegen Crusader: No Remorse, ein 1995 veröffentlichtes, international erfolgreiches und von der Kritik mit hohen Wertungen bedachtes Actionspiel. Aber warum ist das so? Die Antwort: Der Titel war hierzulande viele Jahre lang indiziert.

Von Stephan Petersen

Crusader: No Remorse wartet mit einem bekannten dystopischen Szenario auf. Im 22. Jahrhundert liegt die Welt darnieder, riesige Multikonzerne haben die Macht übernommen. Einer von ihnen ist das World Econmic Consortium (WEC). Das WEC verspricht den Menschen Sicherheit, nimmt ihnen aber die Freiheit und beutet sie aus. Zum Glück gibt es den Widerstand, der den Kampf mit dem tyrannischen Konzern aufnimmt. Die beste Waffe der Rebellen: der Silencer, ein ehemaliger WEC-Elitesoldat, der die Seiten gewechselt hat. Selbstredend schlüpft der Spieler in die Rolle des namenlosen Protagonisten.

Sesam öffne dich! Neben dem Ballern geht es darum, Zugang zu neuen Räumen und Ebenen zu erhalten.

Sesam, öffne dich! Neben dem Ballern geht es darum, Zugang zu neuen Räumen und Ebenen zu erhalten.

Ballern ohne Reue

Beim ersten Start sticht sofort die isometrische Sicht ins Auge. Technisch basierte Crusader: No Remorse auf einer verbesserten Engine von Ultima VIII: Pagan, die für damalige Verhältnisse eine richtig schmucke Optik und tolle Grafikeffekte ermöglichte. Besonders bemerkenswert war der Umstand, dass die Spielumgebung zerstörbar und taktisch nutzbar ist. So kann ich in meinen Missionen die Umgebung in Fabriken, Forschungsstationen und Militäranlagen nutzen, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Ich schieße beispielsweise auf einen Gastank, um einen Gegner in Brand zu setzen – Schmerzensschreie inklusive – oder drehe im richtigen Moment an einem Ventil, um dem feindlichen Soldaten eine unliebsame Überraschung zu bereiten. Generell ist der Untertitel “No Remorse”, also “keine Reue”, durchgehend Programm. Es wird reichlich geballert. Vor allem auf Soldaten, Geschütztürme und feindliche Mechs. Aber auch Zivilisten darf der Silencer ohne Gewissensbisse das virtuelle Lebenslicht ausblasen und sie nach Loot durchsuchen.

Daneben ist immer wieder etwas Gehirnschmalz vonnöten, wenn ich Fallen umgehen oder Zugang zu einem Raum erlangen muss. Zudem kann der Silencer diverse Gimmicks einsetzen, etwa einen Spinnenroboter, der explodiert. Nur gelegentlich wird die Nonstop-Action unterbrochen – wenn Full-Motion-Videos die Story weitererzählen.

In den 1990er Jahren ganz groß in Mode:Die Story wird mit FMV-Sequenzen erzählt.

In den 1990er Jahren ganz groß in Mode: Die Story wird mit FMV-Sequenzen erzählt.

Jugendschützer ohne Gnade

Brennende NPCs, Blutlachen und Schmerzensschreie waren noch nie Features, die für Begeisterungsstürme bei deutschen Jugendschützern sorgten. Dementsprechend ging Publisher Electronic Arts im Vorfeld auf Nummer Sicher und ließ die deutsche Version entschärfen. Auf die Verpackungen druckten die Kalifornier bereits das USK-16-Siegel. Doch die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle spielte nicht mit und vergab eine Altersfreigabe ab 18 Jahren. Daraufhin mussten sämtliche Boxen mit einem USK-18-Sticker überklebt werden.

Aber damit nicht genug: 1997 folgte die Indizierung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährende Medien (BPjM) – damals noch unter dem Namen Bundesprüfstelle für jugendgefährende Schriften (BPjS). In der Begründung hieß es unter anderem: Crusader: No Remorse sei ein “brutales Tötungs- und Metzelspiel, bei dem sich der Spieler (…) unter Zuhilfenahme verschiedenartigster Waffen und ohne Rücksicht auf den Gegner durchkämpfen müsse, um die nächste Spielstufe zu erreichen… Prognostiziert wird eine in höchstem Maße verrohende, gewaltverherrlichende und – verharmlosende und damit sozialethisch desorientierende Wirkung auf kindliche und jugendliche Spieler.”

1996 erschien mit Crusader: No Regret ein spielmechanisch fast identischer Nachfolger. Wieder einmal ließ Electronic Arts das Spiel im Vorfeld entschärfen. Und hatte dieses Mal mehr Erfolg: Das blutleere Crusader: No Regret erhielt einen USK-16-Sticker. Angesichts heutiger technischer und spielmechanischer Standards kann man über die damalige Begründung der BPjS natürlich nur schmunzeln. So verwundert es sich nicht, dass Crusader: No Remorse im Novemer 2014 auf Antrag von Electronic Arts vom Index gestrichen wurde.

Gefährliche Endlagerung - Die zerstörbare Spielumgebung lässt sich taktisch einsetzen.

Gefährliche Endlagerung: Die zerstörbare Spielumgebung lässt sich taktisch einsetzen.

Wie spielt es sich heute?

In den ersten Spielminuten bin ich leicht geschockt. Nicht etwa wie die Jugendschützer wegen des Gewaltgrades, sondern aufgrund der Steuerung. Meine ersten Versuche unternehme ich mit Maus und Tastatur. Dabei steuere ich den Silencer mit den Pfeiltasten, gebe mit einer Mausbewegung die Feinjustierung und ballere mit der linken Maustaste. Angesichts der schwammigen Steuerung entschließe ich mich jedoch für einen Blick ins Handbuch. “Das muss doch auch anders gehen!”, ist mein Gedanke. Und tatsächlich: Crusader: No Remorse lässt sich auch mit dem Nummernblock spielen. Blöd nur, dass das nur unwesentlich komfortabler ist. Wobei die Steuerung und das Wort “komfortabel” hier eigentlich nicht zusammen in einem Satz genannt werden dürften. Immerhin habe ich so die Schusstaste sowie die anderen Bewegungsbefehle (Seitschritt, Hechtrolle) gleich in der Nähe. Auch die abgehackten Animationen tragen zur ungenauen Steuerung bei.

Aber so leicht lasse ich mich natürlich nicht unterkriegen. Und siehe da: Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase kommt tatsächlich Spielspaß auf. Es motiviert, mit dem Silencer per Hechtrolle in einen Raum zu springen und die Gegner auszuschalten oder die Umgebung gezielt zum eigenen Vorteil auszunutzen. Natürlich spielt auch der Nostalgiefaktor mit. Crusader: No Remorse erinnert mich mit seiner Optik und der isometrischen Ansicht an das erste Fallout. Das kommt nicht von ungefähr: Fallout-Schöpfer Tim Cain nannte Crusader: No Remorse als einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung des Kult-Rollenspiels.

Mach mir die Hechtrolle! Der Silencer erweist sich im Kampf als sehr beweglich. Allerdings ist die Steueurng ziemlich schwammig.

Mach mir die Hechtrolle! Der Silencer erweist sich im Kampf als sehr beweglich. Allerdings ist die Steueurng ziemlich schwammig.

Übrigens: Crusader: No Remorse erschien zwei Jahre nach der PC-Version auch auf der PlayStation und dem Sega Saturn. Ob es sich mit Gamepad vielleicht besser spielt? Gebrauchte Konsolenfassungen sind heute noch bei eBay und Co. zu finden. Eine unzensierte, optimierte PC-Version hingegen gibt es für 5,49 Euro bei GOG.com oder für knapp fünf Euro bei EAs Download-Plattform Origin.

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