Die Pokémon sind wieder da. Und dieses Mal erobern sie nicht nur die virtuelle, sondern auch die reale Welt. Pokémon Go trieb mit seinem Augmented-Reality-Konzept innerhalb weniger Tage tausende Menschen auf die Straße, um dort die Pixelmonster zu fangen – und gleichzeitig Nintendos Aktien in die Höhe. Die Generation Smartphone geht spielen. Leider glänzt sie dabei nicht gerade durch Umsicht und Respekt vor ihrer Umgebung – zum Ärgernis ihrer entnervten Mitmenschen

Von Eric Heinecke

Wer in diesen Tagen aufmerksam durch die Stadt geht, wird ihnen wahrscheinlich bereits begegnet sein: jungen Menschen, die scheinbar geistesabwesend mit dem Smartphone vorm Gesicht durch die Gegend schlurfen, um dann unvermittelt irgendwo anzuhalten und mit großen Augen und offenen Mündern auf den vier Zoll kleinen Bildschirm ihres Mobilgeräts zu starren. Im engen Gang des Supermarktes, am Nacktstrand des örtlichen Badesees, im unkrautüberwucherten Hinterhof einer verfallenen Fabrikruine, auf der vielbefahrenen Straßenkreuzung oder im Holocaust-Museum. Nun sind Menschen, die pausenlos mit einem Brett, Pardon, einem modernen Kommunikationsmittel, vor dem Kopf herumlaufen, in der heutigen Zeit ja keine Seltenheit mehr. Jedoch scheinen sich diese Exemplare von ihren Artgenossen zu unterscheiden. Ihnen fehlt der gestresste Gesichtsausdruck. Sie grinsen stattdessen und freuen sich. Warum nur?

Diese Frage ist selbstverständlich rein rhetorisch, denn ein jeder, der sich derzeit nicht in Isolationshaft befindet, wird unweigerlich über die Worte “Pokémon” und “Go” gestolpert sein. Wer durch den eigenen Freundeskreis noch nicht informiert wurde, den klären die diversen Gazetten und Nachrichtenblätter auf, die unermüdlich über das neueste Medienphänomen berichten. Auf ZEIT ONLINE war das Thema Pokémon Go am 14. Juli zeitweise sogar die Top-Schlagzeile, noch vor der Ernennung von Boris Johnson zum britischen Außenminister! Klar, der Brexit ist ja auch schon wieder so lange her. Doch was genau ist dieses Pokémon Go eigentlich?

Prioritäten setzen: "Pokémon Go" als Schlagzeile des Tages. (Quelle: Zeit Online / Screenshot)

Prioritäten setzen: “Pokémon Go” als Schlagzeile des Tages. (Quelle: Zeit Online / Screenshot)

Zunächst einmal ein Free2Play-Spielchen für Android- und iOS-Systeme, das Pokémon-Figuren in die reale Umgebung projiziert und den Spieler auf die Suche nach ihnen schickt. Per GPS-Positionsbestimmung und Google-Maps-Daten erscheinen die kleinen Monster dann auf dem Smartphone-Bildschirm vor dem Hintergrund der aktuellen Umgebung, die der Spieler durch die Kamera seines Geräts sieht – Augmented Reality nennt sich das Ganze dann. Erweiterte Realität. Toll, da freuen sich die Geheimdienste und Werbefirmen, wenn Millionen von Menschen rund um die Uhr ihre Positionsdaten teilen! Einmal im Pokéball gefangen, kann man die Wesen, die verschiedene Stärken und Schwächen besitzen, trainieren und gegen andere Spieler antreten lassen. Quasi ein Hahnenkampf, nur ohne Blut und Gedärm, und dazu völlig legal.

Weiterhin scheint Pokémon Go die Rettung für Nintendo zu sein, das im langjährigen Konsolenkrieg zwischen Microsoft und Sony gerade einmal die Zuschauerrolle einnahm und mit seiner Wii-Konsole nur im Nischenmarkt punkten konnte. Nun steigen die Nintendo-Aktien innerhalb einer Woche um ganze 70 Prozent. Rekordverdächtig!

Sie sind überall!

Sie sind überall!

Nicht zuletzt ist die neueste “Killer-App” aber vor allem mal wieder eins: eine weitere Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Ein medialer Hype, der kurz aufblendet wie die Scheinwerfer des Autos, kurz bevor es das verdutzte Reh überfährt, um dann in der dunklen Nacht zu verschwinden. Ob man will oder nicht, man kann sich ihm nicht entziehen, genau wie den Spoilern zur sechsten Staffel von Game of Thrones. Wie das Reh blicken auch wir gebannt in das grelle Licht, das uns bald darauf hinwegrafft. Die Zeitungen sind voll davon, die sozialen Medien sind voll davon, Freunde sind voll davon. Sogar Leute, die mit Pokémon bisher überhaupt nichts anfangen konnten, haben die App auf ihrem Handy installiert, weil sie wissen wollen, “warum jeder so einen Wirbel darum macht”. Als würden die Menschen noch nicht genug auf den viereckigen Dauervibrator in ihrer Hosentasche starren, lassen sie sich nun auch noch von ihm durch die Gegend führen.

Dass das auf kurz oder lang nicht unfallfrei vonstattengehen würde, war evident. Unlängst spottete ich unter dem Facebook-Eintrag eines ebenso sehr von dieser Sache genervten Freundes, es würde wohl nicht lange dauern, bis der erste Pokémon-Jäger versehentlich von einer Klippe stürzt. Nur einen Tag später wurde mein flapsiger Spruch von der Realität eingeholt. So stürzten in Kalifornien tatsächlich zwei junge Männer von einer Klippe und fielen 25 Meter in die Tiefe, als sie ein seltenes Wasser-Pokémon fangen wollten. Na, das hat sich doch mal gelohnt! Zu ihrem Glück verletzten sich beide aufgrund des weichen Sandes nur leicht. Der diesjährige Darwin-Award-Gewinner dürfte allerdings nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Erinnert sich noch jemand an die Tamagotchis, die Mitte der 90er Jahre schwer angesagt waren? Diese kleinen Elektronik-Eier mit Monochrom-Display, auf denen alle paar Minuten ein Pixel-Viech um Aufmerksamkeit bettelte, weil es gefüttert und bespaßt werden wollte? Quasi der Vorstufe zu den Pokémon? Die waren auch nervig. Aber zumindest stand damals noch der Fürsorge-Aspekt im Vordergrund. Überhaupt, was ist das eigentlich für eine merkwürdige Botschaft, die Pokémon übermittelt? Seltene Spezies aus ihrem natürlichen Habitat zu entführen, um sie für den Kampf zu trainieren und anschließend gegen ebenso radikalisierte Artgenossen kämpfen zu lassen? Grenzwertig! Und was ist das große Argument für diesen Zeitfresser? Die Kinder gehen mal wieder an die frische Luft!

Wahnsinn! Sind die Kids heute nur noch von der Spielkonsole wegzubekommen, wenn man ihnen eine andere, kleinere und tragbare Spielkonsole in die Hände drückt und sie vor die Tür schiebt? Was bringt es, wenn sie dabei sowieso nichts von ihrer Umwelt sehen, außer dem kleinen umrahmten Ausschnitt der Welt auf ihrem Display (und dann vor ein Auto laufen oder nachts im Park überfallen werden)? Was bringen Events wie die Zusammenkunft von 2000 Pokémon-Jägern vor dem Opernhaus in Sydney, wenn am Ende doch niemand miteinander redet, dafür aber die örtliche Infrastruktur lahmgelegt wird?

Dabei gibt es doch so viele interessantere Dinge, die man stattdessen tun kann. Mal wieder dem eigenen Partner in die Augen schauen, einen Sonnenuntergang genießen, im Park die Eichhörnchen beobachten, Fallout Shelter spielen… Oder was der Pokémon-Hatz sehr nahekommt: Pilze sammeln. Diese müssen ebenfalls erst gesucht werden und kommen in unterschiedlichen Variationen daher, können danach jedoch verspeist werden. Je nach “Charakterwert” führt dies entweder zu einem wohligen Sättigungsgefühl, bewusstseinserweiternden Halluzinationen oder schmerzvollen Magenkrämpfen. Ein bisschen Spannung und Risiko ist also auch dabei. In jedem Falle ist es ungefährlicher für die Mitmenschen. Immerhin kann man Pilze nicht während der Autofahrt pflücken.

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