Das Erstlingswerk des bis dato noch unbekannten Indie-Entwicklers Jon Oldblood erzeugt beim Spieler eine Mischung aus morbider Faszination und teils schockierendem Unwohlsein – und hinterlässt bleibende Eindrücke mit vorausgehender Trigger-Warnung. Eines ist das Psycho-Horror-Adventure nämlich zweifelsohne nicht: ein klassisches Point&Click-Adventure für Leute mit  schwachen Nerven.

Von Dennis Reisdorf

Jon Oldblood feiert mit Masochisia sein Debüt als Spieleentwickler – und sorgt dafür, dass sein kommerzielles Erstlingswerk auch gleich im Gedächtnis bleibt. Zwischen den beiden Horror-Hits Stasis und Soma etwas untergegangen, ist der Indie-Titel im Oktober 2015 auf Steam erschienen und reiht sich in die Riege moderner Horrorspiele ein, die ihren Fokus nicht etwa auf hektisches Survival-Gameplay und eine Aneinanderreihung von Schockeffekten legen, sondern sich mit tiefenpsychologischen Mustern befassen.

Ähnlich wie in dem via Kickstarter finanzierten Indie-Horror Neverending Nightmares werden Spieler und Spielfigur mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Doch handelt es sich bei Masochisia um mehr als einen Traum des Protagonisten – und nicht einmal um Fiktion.

Zum Psychopathen bestimmt

“Individuen, die unter Depressionen, Misshandlungen oder geistigen Erkrankungen leiden, fühlen sich mit einigen der Themen womöglich unwohl.” Selten zuvor wurde eine non-obligatorische Warnung so konkret formuliert wie in Masochisia. Vor dem Spielstart folgt eine weitere Warnung. In Horror-Enthusiasten weckt das selbstverständlich eine gewisse Erwartungshaltung, vielleicht sogar obskure Vorfreude, die es vom Spiel zu erfüllen gilt.

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Nur auf eigene Gefahr spielen!

Narrativ werde ich hier ohne Umwege in die Rolle des jungen Hamilton befördert. Dieser wächst in einer Familie auf, die destruktiver nicht sein könnte: Der Vater ein verbitterter Trinker und religiös indoktrinierter Sadist; der ältere Bruder als Kontrast dazu ein perverser und vom Vater geschundener Masochist. Zu guter Letzt die Mutter: eine bipolare, misshandelte Frau, die Hamilton mütterliche Liebe und verbitterten Hass oft im gleichen Satz signalisiert. An den Wänden hängen Gemälde erhängter Menschen mit ausgebrannten Augen. Kein Wunder also, dass der Protagonist unter anderem Anzeichen von Schizophrenie zeigt.

Wo Hobby-Psychologen schon in den ersten zehn Minuten ausreichend Material geboten wird, um in menschliche Abgründe abzutauchen, ist gleichermaßen offensichtlich, weshalb sich manche Spieler mit den psychologischen Motiven im Spiel unwohl fühlen könnten. Jeder einzelne Charakter scheint psychologisch deutlich auffällige Muster zu zeigen, ist gleichzeitig aber auch so glaubwürdig wie verstörend gezeichnet und erfüllt seine Rolle in Masochisia. Das Spiel geht keinesfalls gleichgültig oder gar verherrlichend mit Themen wie häuslicher Gewalt, Misshandlung und psychischen Erkranken um. Im Gegenteil: Im Hauptmenü werden Betroffene dazu aufgerufen, sich schleunigst Hilfe zu suchen.

Basierend auf einer wahren Geschichte

Wenn uns Entwickler vermitteln, ihr Werk basiere auf einer realen Geschichte, handelt es sich dabei nicht selten um eine unwahre Floskel und im besten Falle um eine überspitzte Halbwahrheit. Für Masochisia diente tatsächlich die Geschichte eines realen Serienkillers als Grundlage. Um wen es sich dabei konkret handelt? Möchte ich aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle nicht verraten, es lässt sich jedoch mit wenig Aufwand auch dank der Hinweise im Spiel herausfinden. Und nein, es ist nicht Ed Gein. Unter dieser Prämisse wirken die Ereignisse des Spiels zweifelsohne noch beängstigender.

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Alles Psycho, oder was?

Die Handlung sorgt mit ihrer dichten Atmosphäre nicht nur für konstantes Unbehagen, sondern hält auch so manche Überraschung bereit. Ob es sich dabei um die dezent und gleichsam gezielt platzierten Jumpscare-Attacken handelt, die erfreulicherweise nur dann auftauchen, wenn der Spieler deren Existenz bereits wieder vergessen hat, oder aber um unerwartete Story-Wendungen, die gegen Ende zur einer verblüffenden Klimax führen.

Kurz, anspruchslos, intensiv

Trotz der spielerischen Nähe zu herkömmlichen Point&Click-Adventures wie dem guten alten Maniac Mansion und der gelungenen Einbindung von Spielmechaniken solltet ihr von Masochisia in dieser Hinsicht nicht allzu viel erwarten. Hin und wieder löst ihr kleine, anspruchslose Rätsel mithilfe der Items in eurem übersichtlichen Inventar. Statt einer Figur steuert ihr lediglich die Kamera von Szene zu Szene und habt damit Blick auf die 2D-Umgebungen vor euch.

Wer bereits bei sogenannten Story-Adventures der Marke Telltale – allen voran The Walking Dead – ein gewisses Mindestmaß an Interaktivität vermisst, muss sich hier mit noch weitaus weniger zufrieden geben. Auch die Spielzeit fällt dürftig aus: Zwei Stunden genügen, um die sechs Kapitel von Masochisia zu beenden. Zart besaitete Gemüter werden dafür dankbar sein – wer mehr als ein kurze Visual Novel erwartet, wird hingegen ausgeklügeltere Mechaniken oder anspruchsvollere Rätsel vermissen, die dem Gameplay mehr Tiefe hätten verleihen können.

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Echte Rätsel sind in “Masochisia” Mangelware.

Wiederspielwert, sofern ihr euch noch einmal auf das Game einlassen wollt, ergibt sich durch die unterschiedlichen Antwortmöglichkeiten, die sich auf den Ausgang des Spiels auswirken. Den Großteil der Spielzeit verbringt ihr nämlich mit Gesprächen, deren Dialoge nur in Textform dargeboten werden. Eine Sprachausgabe gibt es nicht. Auch auf eine deutsche Lokalisation müsst ihr verzichten. Eure in der Regel dualen Antwortmöglichkeiten, die teils genauso verstörend sind wie die Fragen, die Hamilton gestellt werden, repräsentieren einen inneren Konflikt des Protagonisten und spiegeln dabei einige der Motive wieder, auf denen Masochisia aufbaut: Religiöser Glaube, Schicksal, Selbstjustiz.

Bedrohliche Situationen oder traumatische Ereignisse kann Hamilton auf zweierlei Weise entschärfen – entweder durch Medikation oder Selbstverletzung. Beides hat zur Folge, dass sich der etwa nach einer Prügel des Vaters blutrot gefärbte und mit rasantem Herzklopfen unterlegte Bildschirm wieder normalisiert und den Rest des Leidenswegs zumindest temporär erträglicher macht.

Für die Augen, für die Ohren, auf den Magen

Die stilistische Inszenierung fällt positiv auf und unterstreicht das Spiel in audiovisueller Hinsicht hervorragend. Zwar fehlt es an Grafikeinstellungen, und abseits von Auflösung, Vollbildmodus und vertikaler Synchronisation lässt sich grafisch nichts weiter an dem Spiel vornehmen. Doch der eigenwillige Grafikstil sorgt für einen starken Kontrast zur düsteren Stimmung und der stetig steigenden Gewalt. Fantasievoll und fast schon harmlos wirken hingegen die liebevoll gezeichneten Hintergründe – wären da nicht grotesken und die komplette Spielwelt zierenden Statuen sowie die plötzlich auftauchenden und zwielichtigen Figuren.

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“Masochisia”: Wie wird man zum Serienmörder?

Unterlegt wird dies mit einer unauffälligen und synthetischen, jedoch passenden Musik, deren Existenz sich meist vielmehr durch ihre Abwesenheit bemerkbar macht. Denn Masochisia lebt audiotechnisch von den Umgebungsgeräuschen und den klangvollen Unterbrechungen, die wie ein Paukenschlag einsetzen, wenn sich die Ereignisse plötzlich überschlagen. Statt den sanften Streichinstrumenten dominieren dann Stille, basslastige Herzschläge oder tickende Uhren.

Audiovisuell finden sich stilistische Gegensätze, die mit dem schizophrenen Wesen des Protagonisten einhergehen und damit das Gesamtbild stimmungsvoll stärken und der Unbehaglichkeit ihre Kraft verleihen. Die Macher beschreiben das Ergebnis als “experimentelles Psycho-Horror-Spiel in Form einer Erzählung”, und als solches ist Masochisia trotz spielerischer Defizite vollends gelungen.

“Do you want to continue?”

Immer wieder werden im Verlauf der Handlung Grausamkeiten nur angedeutet. Peitschenhiebe oder Messerstiche sind nebst Schmerzensschreien zu hören, während ihr unter Anspannung auf einen schwarzen Bildschirm blickt und das Spiel euer Kopfkino antreibt. Den Höhepunkt der Grausamkeit erreicht Masochisia, wenn Hamilton von seinen inneren Stimmen dazu aufgefordert wird, eine Opfergabe zu erbringen. Auf Spieler, die die zugrundeliegenden Motive nicht erkennen, mag dies unnötig brutal wirken, auf viele andere gar verwirrend. Als wäre dies nicht genug, hat sich Jon Oldblood noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Während des Spielens und nach Abschluss der Geschichte solltet ihr wiederholt einen Blick auf euren Desktop werfen. Spätestens nach dem unkonventionellen und überraschenden Ende wird klar, weshalb der Titel von vielen mehr oder minder sensiblen Spielern umgehend von der Festplatte gelöscht wird. Eines hat Masochisia mit Bravour gemeistert: Das Spiel bleibt trotz seines geringen Umfangs im Gedächtnis und bietet anhand der von euch gegebenen Antworten Anreiz zur Selbstreflexion.

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“Masochisia”: Schwere Kost, düstere Stimmung.

Seelenschändung oder Selbsterkenntnis

Die Themen, die in dem kleinen Indie-Titel behandelt werden, sind schwere Kost und eine ganz eigene Form von Horror. Umso gruseliger, dass Masochisia auf einer realen Begebenheit basiert und die psychischen Leiden, die im Spiel teils auf grausame Weise dargestellt werden, völlig real sind. Audiovisuell beschränkt sich der schizophrene Charakter des Spiels sich nicht allein auf Protagonist Hamilton, sondern spiegelt sich auch im Gesamtbild wieder.

Wer in der Lage ist, mental eine gesunde Distanz zu Spielen dieser Machart zu halten– und auch das ist Masochisia letzten Endes: ein Spiel – darf die Trigger-Warnung ignorieren und gewinnt im Idealfall nach dem Abspann noch ein paar Denkanstöße zum Verständnis psychischer Krankheiten. Ein Thema, das zunehmend auch durch Videospiele ins Bewusstsein der Gesellschaft transportiert wird.

Einen kleinen Beitrag dazu leistet Masochisia, in dem es die Spieler etwa das eigene Empathievermögen prüfen lässt, sofern diese denn dazu bereit sind, sich emotional auch darauf einzulassen. Gegebenenfalls folgt daraufhin ein Blick auf den Paragraphen zur Dissozialen Persönlichkeitsstörung im ICD 10, um zu evaluieren, ob man sich darin wiederfindet – gut, wenn nicht.

Jon Oldblood hat mit Masochisia definitiv etwas richtiggemacht.

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