Beyond: Two Souls wurde auf der E3 2012 als inoffizieller Nachfolger von Heavy Rain angekündigt. David Cage, Chef des französischen Studios Quantic Dream, versprach mehr Interaktivität, spielerischen Tiefgang und eine ausgewogenere Story. Ließ er seinen Worten Taten folgen? Nun ja, eigentlich nicht. Seit einigen Wochen ist nun die unvermeidliche PlayStation-4-Neuauflage des Interaktiv-Dramas mit Ellen Page und Willem Dafoe in digitalen Hauptrollen erhältlich. Was wohl niemanden wirklich überraschen dürfte: Es ist das gleiche Spiel wie damals auf der PS3, eben nur “in schöner”. Und hier und da wurde es sogar verschlimmbessert.

Von Sebastian Essner

Die Hintergrundgeschichte von Beyond: Two Souls reißt keine Bäume aus und erzählt in einzelnen Kapiteln die Geschichte von Jodie Holmes (Ellen Page) und ihrem übernatürlichen Begleiter Aiden, die man beide je nach Spielsituation steuert. Insgesamt erlebt man 15 Jahre aus Jodies Leben mit, von ihrem achten bis zum 23. Lebensjahr.

Man sieht Jodie regelrecht an, dass ihr kalt ist.

Man sieht Jodie regelrecht an, dass ihr kalt ist.

Im PS3-Original geschah dies mit wilden Zeitsprüngen, was dafür sorgte, dass man immer einige Zeit brauchte, bis man sich in einem Szenario “eingelebt” hatte. Die PS4-Variante bietet jetzt zusätzlich die Möglichkeit, Jodies Erlebnisse chronologisch nachzuspielen. Das lässt auf eine sinnvolle Spieldesign-Verbesserung hoffen, offenbart aber ein anderes Problem : Eure Entscheidungen in den einzelnen Szenarien haben überhaupt keine langfristigen Auswirkungen beziehungsweise sind mitunter sogar innerhalb der Kapitel komplett irrelevant.

Ein konkretes Beispiel: Als Jugendliche besucht Jodie zum ersten Mal eine Party. Zu Testzwecken trinke ich mit ihr einfach mal alles, was ich an Alkohol auftreiben kann (hicks) – und zunächst wird Jodie auch kurzzeitig als betrunken dargestellt. Anschließend muss ich vor die Tür gehen, und als ich wieder in den Raum zurückkehre, ist Jodie, die sich wenige Momente zuvor fast nicht mehr auf den Beinen halten konnte und wie die ultimative Schnapsdrossel wirkte, wieder stocknüchtern. Okay, alles klar… Mann, das würde ich auch gern können.

Aber es geht noch weiter: Wenig später schmeiße ich mich auf der Tanzfläche an einen Blondschopf heran und wähle in den Dialogoptionen bewusst sämtliche Komplimente, die er auch erwidert. Volltreffer, am Ende küssen wir uns sogar. Das ist eine Minute später jedoch schon wieder völlig egal, denn der Kerl beschimpft mich zusammen mit den anderen Partygästen fleißig als “Hexe”. Vollkommen unlogisch? Genau.

Die wichtigsten Neuerungen der PS4-Version von "Beyond: Two Souls": Das ist anders in der PS4-Version: -1080p-Auflösung und neue Effekte wie Motion Blur, Bloom, Tiefenunschärfe und verbesserte Effekte bei Beleuchtung und Schatten -Unterstützung des DualShock-Lautsprechers bei der Steuerung von Aiden -Entscheidungen im Spielverlauf werden nach jedem Spielabschnitt mit denen anderer Spieler verglichen -Das Spiel kann in chronologisch richtiger Reihenfolge durchgespielt werden -Bessere Steuerung in Actionsequenzen, dafür erhöhter Schwierigkeitsgrad in manchen Kämpfen -Der DLC »Fortgeschrittene Experimente« ist enthalten

Die PS4-Version von “Beyond: Two Souls” sieht dank 1080p-Auflösung und neuer Effekte um einiges schöner aus.

Dazu kommt der Umstand, dass der Plot an sich, egal in welcher Reihenfolge man ihn spielt, trotz abwechslungsreicher Schauplätze einfach nicht so richtig in Fahrt kommt und man zu Jodie und ihren Problemen nicht vollständig eine emotionale Bindung aufbauen kann. Vielleicht deshalb, weil ein Mädchen, das mit einem Geist kommuniziert, einfach etwas zu bizarr ist? Das führt im besten Fall noch dazu, dass dem Spieler die Hauptfigur “nur” dezent unsympathisch ist und im schlimmsten, dass man die Göre abgrundtief hasst.

Heavy Rain hatte hier meiner Meinung ein deutlich packenderes Szenario rund um den geschiedenen Vater Ethan Mars, dessen Sohn vom Origami-Mörder entführt wurde. Sicher, beide Spiele begeistern mich nur für genau einen Durchgang, aber bei Heavy Rain gibt es wesentlich emotionalere und packendere Augenblicke.

Auch spielerisch wurde bei Beyond: Two Souls geschlampt. Theoretisch klingt der Wechsel zwischen einem Mensch und einem übernatürlichen Wesen ja wunderbar. Aber zum einen kann sich Aiden nur bis zu einem gewissen Abstand von Jodie entfernen und zum anderen ist der Switch zwischen Jodie und Aiden nicht einmal jederzeit möglich. Gerade hier fällt noch einmal auf, dass man im Prinzip einen Film nachspielt und die Entscheidungsfreiheit des Spielers quasi nicht vorhanden ist. Schade, Titel wie Until Dawn haben inzwischen gezeigt, dass es besser geht und Entscheidungen auch wirklich etwas bewegen können. Und The Walking Dead von Telltale schafft ebenfalls sehr viel besser, mich emotional ans Spiel zu binden.

Willem Dafoe verkörpert

Willem Dafoe verkörpert den Wissenschaftler Nathan Dawkins.

All diese Gameplay-Definizite sind umso bedauerlicher, weil ich Willem Dafoe in der Rolle des Wissenschaftler Nathan Dawkins ziemlich cool finde und  die audiovisuelle Hülle von Beyond vom PS4-Upgrade enorm profitiert: So ist das Geschehen bei 30 Bildern pro Sekunde stets flüssig und mit knackscharfer 1080p-Auflösung sowie neuen Grafikeffekten hübsch anzusehen. Das immer wiederkehrende musikalische Hauptthema wird euren Gehörgang ebenfalls so schnell nicht mehr verlassen. Alle Neuerungen im Vergleich zur PS3-Version aufzuzählen, ersparte ich mir – dafür listet sie GamePro fein säuberlich auf.

Insgesamt bleibt auch auf der PS4 ein cineastisches Action-Adventure, das nicht zu David Cages besten Werken zählt, aber trotzdem zeigt, wie ambitioniert Videospiele mittlerweile sind – und wie ernst das Medium auch von Hollywood-Größen wie Page und Dafoe genommen wird. Ich bin sehr gespannt, ob der Quasi-Nachfolger Detroit: Become Human spielerisch wieder mehr Akzente setzen kann.

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