Man sollte glatzköpfigen Menschen niemals den Rücken zukehren. Zumindest gilt das für die Hitman-Serie. Als das ehemalige Supermodel Dalia Morgolis diesen Fehler macht, greift ihr vermeintlicher Leibwächter zur Klaviersaite und spielt auf ihrem Hals die Melodie des Todes. Der Mörder ist kein geringerer als Agent 47, der wohl berühmteste Auftragskiller der Videospielgeschichte. Nach seinem letzten Abenteuer, Hitman: Absolution aus dem Jahr 2012, kehrt der Mann mit dem Strichcode auf dem Glatzkopf auf den Bildschirm zurück. Im Gepäck hat er sowohl altbekannte Spielelemente als auch einige Neuerungen.

Von Stephan Petersen

Im Kern handelt es sich um ein waschechtes Hitman. Als Agent 47 soll ich Zielpersonen ins virtuelle Jenseits befördern. Hierfür erkunde ich die Umgebung, merke mir Aktionsabläufe der NPCs, besorge mir zwecks Tarnung Verkleidungen und suche nach einem Weg, die Opfer möglichst effizient und lautlos auszuschalten. Der große Unterschied zum Vorgänger Absolution ist dabei die wesentlich größere Levelstruktur, die mehr an die offenen Areale aus Hitman: Blood Money erinnert. Okay, nur ein Level, denn außer zwei überschaubaren Trainingsmissionen wartet Hitman bis jetzt nur mit einem Auftrag in Paris auf.

Schauplatz der Hauptmission ist eine Modeshow in einem riesigen Pariser Schloss.

Schauplatz der Hauptmission ist eine Modeshow in einem riesigen Pariser Schloss.

Das ist die zweite große Neuerung: Hitman erscheint in Episoden. Die weiteren Aufträge, die voraussichtlich im Monatsrhythmus erscheinen, sollen mit ähnlich großen Levels aufwarten. Die Größe der Spielumgebung ist im Paris-Auftrag, in dem man einen russischen Milliardär und ein oben genanntes Ex-Model beseitigen soll, bereits beeindruckend. In der Schlossanlage samt Garten tummeln sich hunderte NPCs. Von Besuchern einer Modeshow über Stylisten und Service-Personal bis hin zu Wachleuten. Es gibt unzählige Wege und Gelegenheiten zu entdecken, die beiden Zielpersonen auf kreative Weise auszuschalten. Die Erkundung fällt allerdings weitgehend flach, wenn man die zahlreichen Hinweise und Hilfen nicht deaktiviert oder zumindest reduziert. Die sind nämlich standardmäßig zugeschaltet und machen den Auftrag fast zum Kindergeburtstag.

Misstrauische Kellner und schläfrige Leibwächter

Aber selbst ohne sämtliche virtuellen Gehhilfen ist Hitman alles andere als ein bockschweres Spiel. Das liegt zum einen an der KI. Sicher, sie agiert größtenteils clever. Wenn beispielsweise ein Wachmann bemerkt hat, dass ich eine Münze zwecks Ablenkung geworfen habe, bleiben seine Augen auf mich gerichtet anstatt wie ein Lemming dem Geräusch nachzugehen. Auch klasse: Wenn ich einen Kellner ins Reich der Träume schicke und seine Kleidung überstreife, so funktioniert die Tarnung nicht bei allen NPCs. Einige bleiben misstrauisch, so etwa der Oberkellner, der seine Leute ja kennt und die Wachen ruft, falls Agent 47 als Service-Personal verkleidet an ihm vorbeistolziert. Schmeiße ich den Glatzkopf hingegen in Klamotten der Security, gibt es bei besagtem Oberkellner keine Probleme.

In luftiger Hîhe

Agent 47 in luftiger Höhe.

Andererseits bleibt die KI oft auch zu passiv. Als der Kronleuchter – unter leichter Mithilfe von Agent 47 – krachend auf dem Boden aufschlägt, tappt die Zielperson geradewegs in die Falle und untersucht den Schaden, während der Leibwächter ein paar Meter weiter seelenruhig stehenbleibt. Bei dem Opfer handelt es sich um einen Scheich, dessen Kleidung mir Tür und Toren öffnet. Das ist für mich auch der größte Kritikpunkt an Hitman. Mit der entsprechenden Kleidung habe ich einen zu großen Aktionsradius. Als Kellner oder auch als Techniker kann ich mich in viel zu viele Räume begeben. Dank der zahlreichen Ablenkungsmöglichkeiten wie Radiolärm oder übergelaufene Waschbecken ist es dann ein Leichtes, einen einzelnen Leibwächter oder sonstigen Security-Menschen zu isolieren und mir dessen Kleidung zu besorgen und ohne große Probleme die Zielpersonen zu erreichen.

Kreatives Killen als Spielspaßfaktor

Der Reiz liegt vielmehr darin, die Aufträge auf möglichst kreative Weise zu erledigen und hierfür die Spielumgebung sowie die unzähligen vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen. So ist ein perfekt inszenierter Unfall erheblich befriedigender als ein schnöder Kill mit der schallgedämpften Pistole. Die spielerische Freiheit ist großartig. Mir macht das als Hitman-Fan erster Stunde auch im aktuellen Teil wieder riesigen Spaß.

Zum Abschluss der Mission gibt es je nach Vorgehensweise Punkte aufs Hitman-Konto. Kollateralschäden werden generell bestraft. Verschiedene freischaltbare Herausforderungen und die damit verbundenen Punkte laden zum erneuten Spielen ein. Denn Punkte führen wiederum zum Levelaufstieg und schalten unter anderem weitere Waffen, Gimmicks und Startpositionen frei. Das sorgt für Abwechslung und Motivation.

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Eine nette Idee sind auch die frei erstellbaren Aufträge, die sich kinderleicht von der Community erspielen lassen. Darüber hinaus sollen sogenannte Eskalationsmissionen folgen, in denen die Missionen stufenweise anspruchsvoller werden und mit Zusatzaufgaben aufwarten. Der Wiederspielwert ist also hoch. Dennoch: Nach dem vierten oder fünften Durchgang kenne ich das riesige Pariser Schloss auswendig, sodass die Luft dann allmählich raus ist. Auf die nächste Herausforderung in Form einer Mission muss man aber bekanntlich noch bis April warten. Das ist auch im Hinblick auf die Story schade. Denn die verrät außer ein paar Brocken über einen internationalen Spionagering und einen geheimnisvollen unrasierten Mann nicht sonderlich viel.

Bis zur nächsten Episode habe ich aber auch das vermutlich schon wieder vergessen. Immerhin kann man sich dann im Hauptmenü die bisherigen Zwischensequenzen noch einmal zu Gemüte führen.

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