Vor 25 Jahren erblickte Éric Chahis Another World das Licht der digitalen Welt. Unter Spielern genießt das Action-Adventure heute Kultstatus. 2013 wurde es gar in das Museum of Modern Art aufgenommen. Aber warum? Was macht den Reiz von Another World aus?

Von Stephan Petersen

Bereits als Jugendlicher begann Éric Chahi auf dem Oric Atmos und dem Schneider CPC zu programmieren. 1989 landete der Franzose dann zusammen mit Paul Cuisset und dem Adventure Future Wars einen Achtungserfolg. Hierbei stammten die Grafiken komplett von Chahi. Danach stand er vor der Wahl: An Paul Cuissets Agenten-Adventure Operation Stealth mitarbeiten oder wieder selbst programmieren und ein eigenes Spiel machen. Eric entschied sich für Letzteres und begann als Ein-Mann-Team mit der Entwicklung von Another World.

In einer fremden Welt

Darin schlüpft der Spieler in die Rolle des jungen Physikers Lester Knight Chaykin. Der ist nicht nur brillant, sondern hat anscheinend auch viel Knete. Mit seinem schicken Ferrari 288 GTO erreicht er in einer stürmischen Nacht sein Hightech-Labor. Dort will er an einem Experiment mit einem Teilchenbeschleuniger arbeiten. Doch die Sache geht gründlich schief: Ein Blitz schlägt ein, und wenige Augenblicke später findet sich Lester auf einem feindseligen Planeten wieder, wo ihm sowohl allerlei Getier als auch die humanoiden Einheimischen nach dem Leben trachten.

Ab hier übernimmt der Spieler. Die Aufgabe ist klar: Fliehen und Lesters Leben retten. Das erweist sich jedoch als ziemlich knifflig. Jeder Sprung über Abgründe, jeder Tritt gegen feindliches Gewürm muss trotz leicht schwammiger Steuerung millimetergenau passen. Ansonsten geht es beim letzten Checkpoint von vorne los. Im Verlauf des Abenteuers findet Lester schließlich eine Energiepistole, die sich als äußerst nützlich erweist. Denn damit kann der rothaarige Physiker Feinde pulverisieren und auf Knopfdruck Schutzschilde aufbauen oder Hindernisse zertrümmern. Zudem hilft ihm in einigen Situationen ein außerirdischer Verbündeter.

Einfach wird es aber auch mit der Knarre nicht. Die Flucht durch die Alien-Welt ist von Trial & Error geprägt. Schnelle Reaktionen reichen nicht aus, vielmehr ist ein Auswendiglernen der einzelnen Levelabschnitte notwendig, um die richtige Herangehensweise und Lösung herauszufinden. Spieler können daher im Normalfall zahlreiche Bildschirmtode von Protagonist Leser bestaunen.

Kino-Feeling in den Neunzigern

Heute dürfte die Spielmechanik auf nicht wenige Spieler frustrierend wirken. Als ich vor einiger Zeit Another World mal wieder anzockte, war ich über meine Geduld in Teenagertagen erstaunt. Heute wirkt das Gameplay doch leicht antiquiert. Aber auch 1991 begeisterte Another World nicht primär durch seine Spielmechanik. Vielmehr zog mich und – so vermute ich – auch viele andere Spieler die für damalige Verhältnisse großartige, cineastische Präsentation in ihren Bann. In der 2D-Spielwelt tummeln sich aus Polygonen bestehende Figuren, sodass ein Pseudo-3D-Effekt entsteht. Die Animationen sind flüssig und wirken realistisch. Hierzu filmte sich Eric mit einer Kamera und übertrug die Bewegungen mittels Rotoskopie.

Amiga_1

“Another World” in der originalen Amiga-Version von 1991.

Zudem erscheint die fremde Welt dank ihrer gelungenen Hintergrundanimationen äußerst lebendig. Ständig gibt es löwenartige Kreaturen, feindliche Aliens oder ähnliches zu bestaunen. Die vollanimierten Zwischensequenzen sowie das für anno 1991 geradezu ausufernde Intro sorgen für Film-Feeling. Darüber hinaus verzichtete Eric komplett auf ein HUD. Eine gute Entscheidung, weil dies der Immersion äußerst zuträglich ist.

Ein Grund zum Feiern

1994 erschien mit Heart of the Alien ein Nachfolger – allerdings ohne Mitarbeit von Chahi. Der distanzierte sich nach dem Release von dem spielerisch und optisch ähnlich gestrickten Action-Adventure, in dem der Spieler die Geschichte aus Sicht von Lesters Alien-Freund erlebt. Seine Vision von Another World sei eine andere, gab der Spieldesigner zu Protokoll. Zudem wolle er keine Fortsetzung.

20th Anniversary Edition_2

“Another World: 20th Anniversary Edition” von 2011.

Dafür arbeitete Chahi Jahre später an einer aufgepeppten Version seines Klassikers, die pünktlich zum fünfzehnjährigen Jubiläum erschien. Neben technischen Verbesserungen wie einer höheren Auflösung und detaillierten Hintergründen enthält diese Anniversary Edition auch einen Bonuslevel sowie kleinere spielerische Änderungen, die nicht in der originalen Amiga-, dafür aber in späteren Konsolen-Versionen enthalten waren. Zum zwanzigsten Jubiläum erschien 2011 eine erneut optisch verbesserte Version, die neben dem PC auch auf aktuellen Konsolen sowie für iPhone/iPad und Android veröffentlicht wurde.

Ob Éric Chahi wohl ebenfalls an einer Edition zum fünfundzwanzigsten Jubiläum werkelt? Zumindest ist es seit seinem letzten Spiel, der Göttersimulation From Dust, verdächtig still um ihn geworden.

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