Am vergangenen Wochenende lud Ubisoft zum öffentlichen Beta-Test seines Open-World-MMOs The Division ein, das am 8. März erscheint. Drei Tage lang hatten Interessierte die Möglichkeit, sich einen Eindruck von der Kulisse des durch einen Virus nahezu vollkommen entvölkerten Manhattan zu machen und dabei die Spielmechanik auf Herz und Niere zu prüfen. Ubisofts neues Zugpferd hinterlässt auf mich allerdings einen durchwachsenen Eindruck. Warum? Weiterlesen!

 Von Eric Heinecke

Die Hintergrundgeschichte zu The Division erschüttert, denn die Idee dahinter könnte tatsächlich in den Hirnen einiger Terrorfürsten herumgeistern: Am Black Friday, dem Tag an dem in den USA “traditionell” die Kaufhäuser und Konsumtempel mit abenteuerlichen Rabattaktionen zum Kaufrausch blasen, breitet sich in New York City ein tödliches Virus aus, das die halbe Bevölkerung dahinrafft. Träger der Seuche ist ausgerechnet das Geld. Ein Gegenstand, den jeder Mensch jeden Tag benutzt. Erst recht am Black Friday. Der Kapitalismus wird mit seinen eigenen Waffen geschlagen.

Als Agent der Strategic Homeland Division sollen wir das Chaos eindämmen, dass das Virus, marodierende Banden und die außer Kontrolle geratene, mit Flammenwerfern bewaffnete New Yorker Hygienetruppe in der Stadt angerichtet haben. In der Beta waren zwei Story-Missionen spielbar, die man alleine oder mithilfe von Mitspielern erledigen konnte.

PvP-Gefechte sind in The Division ausschließlich in den sogenannten Dark Zones möglich, in denen noch mehr Anarchie und Chaos herrscht als im Rest der Stadt. Vieles macht The Division richtig. Vieles nicht. Einiges fehlt und hinterlässt bei mir einen bitteren Beigeschmack.

Trotz Grafik-Downgrade wirkt "The Division" immer noch sehr stimmungsvoll.

Trotz Grafik-Downgrade wirkt “The Division” immer noch sehr stimmungsvoll.

Was gut war

Der Loot ist sinnvoll in die Spielwelt integriert und motiviert zur Absolvierung von Nebenmissionen und Raids. Statt Harnischen und Plattenrüstungen gibt es hier halt Kevlarwesten und Knieschoner, statt Breitschwertern gibt es Sturmgewehre. Diese kommen in unterschiedlichen Klassen und lassen sich mit zahlreichen Modifikationen erweitern. In Zusammenhang mit den wirklich ansehnlich gestalteten Vanity-Items (Kleidungsstücke ohne Attribute) lässt sich so nach und nach ein urbaner Krieger nach eigenem Gusto zusammenstellen. Zum Beispiel mit  Chino-Pants, Parka und Wollmütze. Sehr stylisch.

Immer wieder Spannend - Loot Extraction in der Dark Zone.

Immer wieder Spannend: Loot Extraction in der Dark Zone.

Am meisten Spaß macht The Division mit Freunden oder zumindest in einem Team. Als Wolfsrudel durch die Straßen zu ziehen und gemeinsam Plünderer hochzunehmen oder sich mit abtrünnigen Agenten (Spieler, die auf andere Spieler schießen) ein Feuergefecht zu liefern, ist ungemein unterhaltsam. Dass die kontaminierte Beute innerhalb der Dark Zone nicht sofort nutzbar ist und erst per Helikopter ausgeflogen werden muss, ist ein richtig guter Kniff und sorgt für Spannung. Das geht nämlich nur an bestimmten Punkten der Karte, und sobald man das Signal zum Abtransport gibt, bekommen alle anderen Spieler innerhalb des Gebiets eine Meldung samt Marker auf der Karte. Wenig später findet man sich dann am Abholplatz umringt von einer Horde Loot-gieriger Hyänen oder steht mit seinem Team einem anderen in Mexican-stand-Off-Manier gegenüber. Verliert dann einer die Nerven, endet das Ganze in einer Schießerei à la Reservoir Dogs. Jeder gegen jeden. Hat man nur ein paar poplige Low-Level-Items im Gepäck, mag das alles noch spaßig sein. Schleppt man allerdings das Ultra-Mega-Hyper-Unique-Item mit sich herum, frisst einen die Paranoia regelrecht auf. Adrenalin pur!

Darüber hinaus wirkt die Welt einfach unglaublich stimmig. New York City wurde in einem Videospiel noch nie so detailverliebt dargestellt. Es gibt begehbare Gebäude, Hinterhöfe, U-Bahn-Tunnel und Abwasserkanäle, die vor Details nur so strotzen. Die Licht- und Wettereffekte sind sehr stimmig und lassen die riesige Geisterstadt regelrecht pittoresk erscheinen. Schneestürme und Nebel wirken sich sogar auf die Spielweise aus. Wer schon einmal in der “Welthauptstadt” war, wird überrascht sein, wie viel vom Original in The Division steckt.

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Die Story-Missionen machen im Team mehr Spaß.

Was weniger gut war

Bei all der Faszination für die liebevoll gestaltete Welt sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass sich das Spiel im Vergleich zur E3-Demo von 2013 massiv verändert hat! Für offene Münder sorgte damals die nahezu fotorealistische Optik, die ihresgleichen suchte. In Bezug auf Post-Processing-Effekte, Reflexionen und Detailgrad hat Ubisoft hart an der Stellschraube gedreht. Macht das The Division zu einem schlechten Spiel? Sicher nicht. Noch nicht einmal zu einem hässlichen, ganz im Gegenteil. Möchte man seinen Kopf trotzdem auf die Tischplatte hauen, weil die Firma ungeachtet des gewaltigen Shitstorms zum Release von Watch Dogs nichts aus ihren Fehlern gelernt hat und die Kunden erneut mit haltlosen Versprechungen hinters Licht zu führen versucht? Ja! Nun gut. Grafik ist oft nur Blendwerk und bei Weitem nicht alles.

The Division krankt an ganz anderen Problemen. Zum Beispiel an der Leere seiner Spielwelt und der fehlenden Abwechslung. Im Endeffekt besteht der Spielinhalt nämlich nur aus der Suche nach Zufallsereignissen, die immer damit enden, dass man eine Gruppe NPCs über den Haufen ballert. Zwar muss man teilweise Geiseln befreien oder eigene Truppen unterstützen, der Ablauf bleibt jedoch immer gleich: Schießen, bis sich keiner mehr bewegt. Ein taktisches Vorgehen ist weder notwendig noch praktikabel, alleine schon, weil es keinerlei Stealth-Mechaniken gibt.

Den Gegner in die Zange nehmen oder sich heimlich anschleichen? Nicht möglich. Ab einer bestimmten Entfernung wird der Spieler automatisch erfasst und beschossen. Das macht das Gameplay sehr einseitig, obwohl The Division als Deckungs-Shooter hervorragend funktioniert. Auch die Kampagne kann hier die Kohlen nicht aus dem Feuer holen. Ohne jegliche erzählerische Einführung wird man als namenloser und stummer Agent in die Handlung hinein geworfen. Es fühlt sich an, als stolpere man mehr von einer Mission in die nächste, eine tatsächliche Geschichte mag sich nicht vor mir aufbauen. Die Missionen selbst sind schlimmste Jahrmarktsschießbuden: Man betritt ein neues Areal, Gegner tauchen auf. Man drückt einen Knopf, Gegner tauchen auf. Der Horde-Modus als Spielprinzip. Das hat doch schon damals bei Destiny für lange Gesichter gesorgt. Auch wenn Benedikt das sicherlich anders sieht, der alte Destiny-Fanboy.

In New York City gehen die Stadtwerke äußerst gründlich vor.

In New York City gehen die Stadtwerke äußerst gründlich vor.

Apropos Destiny. Ebenfalls vom Konkurrenten übernommen worden zu sein, scheint die Widerstandsfähigkeit der Gegner. Mit höherem Level sind diese wandelnde Festungen, die Kugeln aufsaugen wie ein Schwamm. Was bei Bungies Online-Shooter aufgrund des Science-Fiction-Szenarios noch einigermaßen funktioniert hat, wirkt bei The Division einfach nur unheimlich unglaubwürdig. Wenn ich mehrere Magazine benötige, um einen menschlichen Gegner zu Boden zu schicken, dann zieht mich das sofort aus der Illusion, in einer realistischen Welt unterwegs zu sein. Nein, nur weil der Titel sich als Rollenspiel versteht, heißt das nicht, dass Gegner zu Göttern mutieren müssen. Ein echter Rückschlag im Bezug auf die E3-Demo ist zudem die drastisch reduzierte Größe der Spielwelt. Sprachen die Entwickler einst davon, nahezu ganz New York City als Spielplatz nutzen zu können, konzentriert sich das Geschehen nun ausschließlich auf Midtown Manhattan. Zwar waren in der Beta noch nicht alle Areale begehbar, aber diejenigen, die zur Verfügung standen, hatte ich innerhalb kurzer Zeit besichtigt.

Fazit: Ein weiteres “Destiny”?

Da The Division bereits in zwei Wochen erscheint, ist es unwahrscheinlich, dass viele der angesprochenen Schwächen bis dahin noch ausgebügelt werden. Ubisoft dürfte sich vornehmlich auf die Beseitigung von Fehlern konzentrieren und am Feintuning arbeiten. Eine Überarbeitung der Trefferpunkte der Gegner wäre allerdings begrüßenswert. Wie viel Abwechslung das finale Produkt am Ende bieten wird, lässt sich jetzt noch nicht abschätzen. Angesichts der Mini-Quest-Überflutung bei den Assassin’s-Creed-Titeln, wäre es allerdings verwunderlich, wenn Ubisoft dahingehend nicht noch nachsetzt.

Einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.

Einige Menschen wollen die Welt einfach nur brennen sehen.

Zu wünschen wären überdies größere Gebiete, da die Mitte Manhattans doch recht schnell erkundet ist. Möglicherweise werden andere Stadtteile im Laufe der Zeit in DLC-Form nachgereicht werden. Bisher wurden immerhin drei Erweiterungspakete sowie eine ganze Reihe kostenloser Mini-DLCs. Ob The Division damit den Weg von Destiny geht und zu einem reinen Raid-and-Loot-Shooter wird oder ob die Rahmenhandlung im Laufe des Spiels doch noch an Fahrt aufnimmt? Wir werden es bald erfahren.

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