“Herrmann, bist du da?”

Es klopft an meiner Zimmertür. Panisch versuche ich zeitgleich meinen Browserverlauf zu löschen, die Hose hochzuziehen und vorauseilend zur Tür zu hechten.

“Moment noch!”

Als mir dabei der Controller aus dem Schoß und auf den Boden fällt, fällt auf: Ich habe ja gar nicht masturbiert. Ich wurde beim Gaming gestört…

Von Herrmann Asien

“Herrmann? Bist du da?”

Ich werfe schnell den Controller unters Bett, hechte zum Monitor, um ihn auszuschalten und lege doch gleich lieber den Kippschalter am Verteiler um. Ich greife hektisch zum Alibi-Sudoku-Heftchen neben der Couch und reibe mir mit zitternden Händen die Augen.

“Komm rein!”, rufe ich.

Noch bis vor wenigen Jahren war dies Alltag: Ich, ein Spieler. Und niemand durfte davon erfahren. Die Wirklichkeitsmenschen, mit denen ich zusammenwohnte, hätten es nicht verstanden. „Was machst du Herrmann? Du zockst? Am hellichten Tag?!“

Mir wäre tatsächlich mehr Verständnis entgegengebracht worden, hätte man mich beim Pornogucken erwischt. Ich schämte mich damals sehr für mein Laster, ich fühlte mich wie ein Süchtiger in einer Abstinenzler-WG. Dabei liebte ich das Leben! Aber Videospiele gehörten für mich einfach dazu…

Seit damals hat sich einiges verändert: Die Games-Industrie ist der Nerdfalle entschlüpft und mittlerweile ein Konsensmedium: sie hat sich zum millionen-, gar milliardenschweren Business entwickelt. Wie ist es dazu gekommen?

Ein Meilenstein war sicherlich die Einführung der Nintendo Wii und die damit einhergehende Erschließung des Casual-Game-Marktes. Generationsübergreifend hatten sich Videospiele über Nacht auf dem Radar von Konsumenten eingefunden. Selbst Oma Erna hatte infolgedessen schon mal eine Wii-Remote in der Hand gehalten. Obwohl Nintendo diesen breiten Erfolg mit der Nachfolgekonsole Wii U nicht wiederholen konnte, war es ein wichtiger Schritt für die Akzeptanz eines ganzen Mediums. Und seiner Nutzer.

Nintendos Idealbild der auf der Wii-Konsole gemeinsam daddelnden Familie. Quelle: Nintendo

Nintendos Idealbild der auf der Wii-Konsole gemeinsam daddelnden Familie. (Quelle: Nintendo)

Zur Einführung der neuesten Konsolengeneration versuchte sich auch Microsoft mit seiner Xbox One an einer vergleichbaren, wenn auch nicht besonders erfolgreichen Casual-Taktik: Der Fokus der One lag zum Launch auf einer Verbindung von Mediazentrum und Spielekonsole. Man dachte: Jetzt, da Videospiele fest zum Konsumalltag gehörten, müsse man sie noch stärker integrieren, anstatt sie als Besonderheit herauszuheben.

Keine schlechte Grundidee, doch unterlief Microsoft dabei ein verheerender Fehler: Die Message verhaspelte sich im Medium. Viele Konsumenten wussten nicht, was die Xbox One eigentlich darstellen sollte: Eine Spielekonsole oder eine Verbindungsschnittstelle? Die Marketingkampagne verkannte das Prinzip, dass die Wii so erfolgreich machte: eine klare Botschaft.

Sony hingegen verstand bereits von Beginn an, dass man sich nicht mehr dem Casual-Markt anbiedern muss. Er war ja bereits erschlossen. This Is For the Players ist seit jeher der konsequenteste Leitspruch. “Casual” ist endgültig kein Gradmesser mehr für Verkaufserfolge.

Die Mainstream-Unterhaltungsindustrie hat in den letzten Jahren ihr Übriges dazu beigetragen, dass sich Games “out of the closet” begeben konnten. 2012 startete Conan O’Briens Latenight-Talkshow ihr ungemein erfolgreiches Segment Clueless Gamer und bringt darin den Gaming-Nerd mit dem zweifelnden Normal-Konsumenten zusammen. Die Botschaft: “Auch wenn du nichts von Videospielen hältst und ein echter Clueless Consumer bist, wirst du daran Spaß haben können.” Mittlerweile ist das Segment so erfolgreich, dass Spielepublisher es als exklusives Marketing-Tool nutzen.

Andere Unterhaltungssendungen springen in jüngster Zeit auf diesen medialen Gaming-Kreuzzug auf: In der Late Show mit Stephen Colbert war unlängst Entwickler Hello Games zu Gast, um über sein Spiel No Man’s Sky zu berichten.

Und auch deutsche Sendungen haben Videospiele als Multiplikator erkannt. Das Neo Magazin Royale entwickelte unlängst gar ein eigenes Point&Click-Adventure.

Seit 2013 hatte auch die Gaming-Gemeide ihre erste eigene Latenight-Show: In The Final Bosman sprach Kyle Bosman auf dem Kanal des unlängst bedauerlicherweise eingestellten Gaming-Portals Gametrailers in vertrautem Latenight-Duktus über videospielrelevante Themen.

Was hat dies nun alles für uns Spieler zu bedeuten?

Da Games nun endlich widerspruchsfrei fest im Mainstream-Sattel sitzen, sehe ich entspannt der Zukunft meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen entgegen. Wenn es an der Tür klopft und der Wirklichkeitsmensch fragt: “Was machst du, Herrmann?”, antworte ich selbstbewusst: “Zocken.”

Oder ich spiele gleich mit offener Tür.

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