Ich bin ein Kind der 80er Jahre. Zumindest bin ich in diesem Jahrzehnt geboren und kann von mir behaupten, einen sehr wichtigen und prägenden Teil meiner Kindheit darin zugebracht zu haben. Bei Freunden und Bekannten hatte ich bei einer Runde Pac-Man und Berzerk das erste Mal am Joystick eines Atari 2600 gerüttelt und auf einem C64 das Schloss Wolfenstein erkundet. Wirklich geprägt haben mich die 80er Jahre aber erst in ihrer Folgedekade. Nämlich als die Mauer gefallen war und eine wahrer Tsunami von Pop-, Geek- und Nerdkultur über das wiedervereinigte Deutschland hereinbrach – und ich einen Amiga 2000 und dann einen 486er-PC mein Eigen nennen konnte, die mich vieles nachholen ließen. Entsprechend wohlig nostalgisch und herrlich vertraut fühlte es sich an, als ich dieser Tage noch einmal Ready Player One von Ernest Cline zu lesen begann.

Von Michael Förtsch

Der 2010 erschiene Debütroman des Drehbuchautors von Fanboys versetzt ins Jahr 2044. Kein gutes Jahr. Die Welt ist ein trostloser Ort, der von Armut, Überbevölkerung und einer steten Energiekrise gepeinigt ist. In den USA leben viele Menschen in sogenannten Stacks – Wohnwagen, die mit Metallgerüsten zu Wolkenkratzern aufgestapelt werden. Viele finden nur noch in der OASIS so etwas wie Glück und Freude – einer riesigen Virtual-Reality-Welt, die einst als revolutionäres MMORPG des Spielentwicklers Gregarious Simulation Systems begann, aber zu einer vollumfänglichen Alternativrealität erwuchs. Virtuelle Planeten dienen darin als von der echten Welt entkoppelte Schulen und Universitäten, Dating-Plattformen, Kinos, Casinos oder auch Videospielareale, die mit einer VR-Brille und haptischen Handschuhen erkundet werden. Seien es nun das MIT, Walmart, Wold of Warcraft oder Everquest – allesamt haben sie innerhalb von OASIS ihre eigene Welt. Und Milliarden von Menschen nutzen sie. Denn OASIS ist nicht mehr nur ein Teil des Internet, es ist das Internet. Ihr Gründer, James Halliday, wurde dadurch zum reichsten Mann der Welt. Zumindest war er das.

Als OASIS-Vater Halliday verstarb, tat er das nicht in aller Stille. Stattdessen bekam jeder OASIS-Nutzer nach seinem Dahinscheiden ein bizarres Video präsentiert, in dem der exzentrische Entwickler seinen letzten Willen erklärte. Und zwar werde jener sein 240 Milliarden US-Dollar-Vermögen und seine Firma erben, der ein Easter Egg – einen Geheimraum – findet, der irgendwo in der riesigen Scheinwelt versteckt ist. Um dieses zu öffnen, müssen drei Schlüssel zu Toren gefunden und die dahinterliegenden Herausforderungen gemeistert werden, die gleichsam gut verborgen sind. Die wenigen Hinweise: ein kurzer Reim und seine Biografie. Unmittelbar brach daraufhin eine riesige Schatzsuche los – die jedoch in den fünf Jahren nach Hallidays Tod vollkommen erfolglos blieb. Von den Millionen Schatzsuchern gaben alsbald viele auf. Andere hingegen arbeiteten sich penibel durch das Leben und die Vorlieben des absonderlich verschroben Milliardärs. Denn beide waren geprägt von der Nerd-, Videospiel- und Popkultur der 80er Jahre – der Teenagerzeit von Halliday. Atari, Galaga, Ultima, Dungeons & Dragons, GURPS, Super Friends, Familienbande, Zurück in die Zukunft, Per Anhalter durch die Galaxis, Star Trek, Star Wars, Commodore und unzähliges mehr waren sein Lebensinhalt.

Ernest Cline (Quelle: Ernest Cline)

Ernest Cline (Quelle: Ernest Cline)

Einer, der die Jagd nicht aufgegeben hat, ist der junge, übergewichtige und ebenso arme Wade Watts, der sein Leben gänzlich OASIS und Halliday widmet. In einer virtuellen Schulstunde stolpert er in Gestalt seines Avatars Parzival plötzlich in Gedanken über den Hinweis, der der erste Schritt auf dem Weg zum Easter Egg werden soll. Nämlich dem Weg zur Gruft des Grauens – einem D&D-Dungeon, den Halliday vollkommen ungesehen auf einem Planeten platziert hat, wo man ihn als letztes vermuten würde. So rückt der unscheinbare Junge abrupt ins öffentlichen Interesse und Fadenkreuz der gesamten Welt. Nicht zuletzt die bezahlten Schatzjäger des mächtigen Konzerns Innovative Online Industries, der sich OASIS einverleiben will. Seine einzige Chance, seinem Verfolgertrupp voraus zu sein, ist sein riesiger Fundus an Nerdwissen rund um die Eighties und den spinnerten Milliardär.

Tatsächlich ist Ready Player One hauptsächlich eine begeisterte Liebeserklärung an die 80er Jahre und deren technologischer und kultureller Aufbruchstimmung. Schon auf den ersten Seiten finden sich Zitate aus Ghostbusters und einem Billy-Idol-Song. Reihenweise werden wie selbstverständlich Namen wie Douglas Adams, Neal Stephenson, Terry Pratchett, William Gibson, Steve Wozniak, Guillermo Del Toro, Terry Gilliam und Richard Garriott umher geworfen. Ebenso wie Spiele-, Film- und Fernsehtitel. Doch auch der menschliche und zwischenmenschliche Part kommt nicht zu kurz. Liebe, Leidenschaft und die Ungewissheit über die wahre Natur des Gegenüber werden ab der Mitte des Buches in Gestalt der Mitstreiter und Konkurrenten wie Art3mis, Aech, Daito und Shoto durchaus präsent. Nehmen aber nie überhand. Ebenso wie das Thema des Eskapismus und den Vor- und Nachteilen von Anonymität und Pseudonymität. Auch die Scheinwelt und ihre Verlockungen und die abschreckende Realität werden erörtert – aber nicht zum alles überschattenden Aspekt erhoben.

Ready Player One ist damit nicht zuletzt eine Coming-of-Age-Story von einem Nerd für Nerds. Und zwar jenen, die eben in und mit den 80ern aufgewachsen sind, sie verinnerlicht und nie zurückgelassen haben.

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