Vor nicht allzu langer Zeit war ich mit meiner neuen Perle umgezogen. Ixxy und ich sind noch nicht so lang ein Paar gewesen, sie war meine erste Freundin der neuesten Generation. Vor drei Monaten hatte ich sie auf dem Basar entdeckt und gedacht: jetzt oder nie! Wir machten uns schöne erste Wochen, wirklich schöne. Die Master Chief Collection hatten wir gemeinsam durchgespielt, es war ein Trip durch Memory-Lane. Und wir bauten gemeinsam ein Haus in Minecraft, sie blieb daheim und machte Feuer, ich ging jagen, und an manchen Tagen machten wir es auch anders herum. Ich bin da ja nicht so. Doch bald schon bekam unsere frische neue Beziehung Risse…

Von Herrmann Asien

Für unsere neue Wohnung entschieden wir uns aus pragmatischen Gründen: Ixxy stellte höhere Ansprüche an meinen Geldbeutel, die Innenstadtmiete war mit ihr nicht zu halten. Doch so hatten wir mehr Geld und Zeit füreinander. Eine aktive Internetverbindung hatte die neue Bleibe leider noch nicht, aber das war ja nicht schlimm, dachte ich. Zusammen spielen können wir ja sicherlich trotzdem, oder?

“Für dieses Spiel müssen sie online sein” sagte mir dann meine Perle, als ich mit ihr an einem der ersten Abende Zombies zerhacken wollte. Ich war erst einmal vor den Kopf gestoßen. Diese unterkühlte Abweisung… Was hatte ich ihr denn getan? Und warum machte sie so ein komisches Geräusch, wenn ich in sie eindringen wollte?

So ein Rattern und Schleifen, das kannte ich von ihr gar nicht. Ich war ratlos und suchte einen öffentlichen WLAN-Hotspot auf. Dort fand ich auch Videos zum Thema. Anscheinend war ich nicht allein mit diesem Problem. Auch andere Betroffen berichteten: der im Kaufvertrag zugesicherte Dienst der Ixxy wurde verweigert. Schleifendes Geräusch, keine Datenträgererkennung. Die propagierte Lösung lautete: Gewalt! Man empfahl, auf die unkooperative Partnerin einzuschlagen.

Ich schaute mir dieses Video an und konnte es nicht fassen: da schlug dieser Typ einfach auf seine Perle drein, auf seine hilflose, auf dem Rücken liegende Ixxy. So wollte ich nicht werden. Ich ging zurück in unsere neue kleine Wohnung am Rande der Stadt und versuchte es ein wenig einfühlsamer. Ich streichelte sie zuerst ganz zart in ihrer Lüftungsregion, strich ihr einfühlsam über den Einschalt-Sensor, tastete mich mit den Fingerspitzen bis zu ihrer Datenträgeröffnung vor… Nach langem, planlosen Herumgefummel suchte ich schließlich Hilfe bei einer Hotline.

“Der nächste freie Mitarbeiter ist gleich für sie bereit. Bitte nicht auflegen …”

Machte ich nicht. So leicht gab ich nicht auf. Nicht nach fünf Minuten nicht und nicht nach zehn. Nicht nach 15 Minuten und auch nicht nach 20. Eine halbe Stunde verging. Die Situation schien aussichtslos. Die Warteschleife der Hotline verwies mich auf eine Internetadresse, bei der ich mein Problem registrieren lassen konnte. Mit einem Menschen reden durfte ich jedenfalls nicht. Internet! Ich hatte doch kein Internet! Also wieder den Hotspot am Hauptbahnhof aufgesucht. Als hätte ich es geahnt: der Registrier-Button auf der Support-Seite funktionierte nicht. Stattdessen wurde ich in einer schier endlosen Link-Schleife wieder auf die Telefon-Hotline verwiesen. Schönen Dank auch. Die Wochen gingen ins Land und mein Garantieanspruch verfiel.

Es ist mir wirklich nicht leicht gefallen. Ich habe einige durchzechte Nächte damit verbracht, meine Entscheidung vor mir zu rechtfertigen. Bin immer wieder Pro- und Kontra-Listen in meinem Kopf durchgegangen. Und wenn ich für Ixxy nur aus dem Online-Store kaufte? Was machte ich mir vor: dafür hatte ich kein Geld. Die Preise waren lächerlich hoch. So bin ich mit ihr schließlich wieder auf den Basar gegangen. Doch wer kauft mir schon eine Ixxy ab, die den physischen Kontakt verweigert? Mit Geduld und gedrücktem Verkaufspreis fand sich schließlich doch einen Käufer, der sie so akzeptierte, wie ich es nie konnte. Ich schämte mich. Es ging nicht anders.

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Quelle: https://c1.staticflickr.com/7/6225/6335722004_fd965988d7.jpg

Es sind ein paar Wochen vergangen seitdem. Ich muss ehrlich sagen: Es geht mir besser. Ich habe mich in der Zwischenzeit wieder mit meiner Ex-Freundin, getroffen. Wir verstehen uns besser als je zuvor. Sie macht mir keine Mätzchen, sie versagt mir nicht ihren Dienst. Sie kommt mir sogar entgegen, wenn ich mit der Spiele-Disc in sie eindringen will. Schon klar: Zehn Jahre hat sie schon auf dem Buckel; die Jüngste ist sie nicht mehr. Aber es gibt noch viele Seiten an ihr, die ich noch nicht kenne. Und ich muss nicht mehr so viel warten: auf Updates, auf Installationen, darauf, dass sie sich mit dem Internet verbindet – Ixxy 360 (so ihr Name) braucht das nicht, um mir eine gute Partnerin zu sein. Meinem Geldbeutel geht es jetzt ebenfalls besser. Sie stellt nicht so hohe Ansprüche. Meine neue alte Perle! Solche Momente sind es, in denen mir und uns allen klar werden sollte, was Glück wirklich bedeutet.

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