Das Jahr 1996 ist mir nicht nur gut in Erinnerung geblieben, weil in der WCW die New World Order gegründet wurde („Hulk Hogan ist der dritte Outsider!“) und Margarethe Schreinemakers ihren unrühmlichen Abgang bei Sat.1 hatte. Nein, ich gewann auch am 15. März 1996 meine erste PlayStation und startete videopspieltechnisch so richtig durch. Im Herbst 1996 machte ich dann zum ersten Mal Erfahrung mit der Tatsache, dass der Kopf Videospiele verändern kann. Davon will ich nun an dieser Stelle berichten.

Von Sebastian Essner

Damals hatte ich mir Resident Evil zugelegt – eine Liebe, die bis heute hält, zumindest auf die älteren Teile der Serie bezogen. Dummerweise war meine Mutter davon alles andere als begeistert, und so musste ich den Titel, nach Konsum des Intros und der ersten 15 Minuten, wieder umtauschen (übrigens gegen Total NBA 96, mit dem ich zumindest ein paar spaßige Stunden haben sollte). Untermalt von Willi’s tiefer Fall von den Toten Hosen („Niemand hier kann sich erklären, warum sowas immer nur dir passiert…“) verließ ich also den Videospielladen meines Vertrauens ohne das coolste Spiel der damaligen Zeit (okay, zumindest für mich). Aber ich hatte ja noch meinen Kopf, in dem die Legende weiterleben konnte.

Mein Kopf, mein Kino, mein Spiel

Fortan verbrachte ich dort Stunden in dem verlassenen Herrenhaus in den Arklay Mountains. Da das Internet oder gar YouTube 1996 noch nicht wirklich erfunden waren, entstand so quasi meine eigene Resident-Evil-Welt, und ich erfuhr erst kurz vor der Veröffentlichung von Resident Evil 2 rund eineinhalb Jahre später, dass es ein Virus war, das die dortigen Wissenschaftler in Zombies verwandelt hatte – nun ja, das war zwar meiner Meinug nach nicht die kreativste Lösung, aber gut. Als ich den Director’s Cut von Resident Evil dann 1998 durchspielte, fand ich ihn zwar nicht schlecht, aber meinen gigantischen Erwartungen konnte er dann doch nicht standhalten. Aber wäre das überhaupt möglich gewesen?

"Resident Evil Director's Cut"

“Resident Evil Director’s Cut”

Kurz zuvor war Resident Evil 2 erschienen, und inzwischen hatte ich auch Möglichkeiten des Videospielkonsums gefunden, der nicht mehr unbedingt die Zustimmung meiner Eltern benötigte. Dadurch etablierte sich dann gleichzeitig eine zweite Variante der Kopfspiele, denn der zweite Resi-Teil verleitete einen geradezu zu Speed Runs. Fortan wurde im Kopf an Optimierungen der Durchspielzeit gearbeitet, was mich so manch langweilige Lateinstunde überstehen ließ (ich schaffte mein Latinum am Ende übrigens trotzdem, aber das nur für die Statistik). Allerdings hielten sich tatsächliches Spielerlebnis und Fantasie dadurch die Waage, dass ich das Spiel gleichzeitig auch wirklich zocken und somit keine Legende wie beim Vorgänger aufgebaut werden konnte.

Im Herbst 1998 lernte ich eine dritte Variante der Kopfspiele kennen, denn ich bestieg den Hype-Train zu Metal Gear Solid, das am 26. Februar 1999 bei uns erscheinen sollte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie oft ich bis dahin von einem „Meilenstein der Videospielgeschichte“ oder „dem perfekten Videospiel“ las, und es ist überflüssig zu erwähnen, dass dies auch meine Erwartungen ins Unermessliche schraubte. Es ging sogar soweit, dass ich mir am Erscheinungstag die Metal Gear Solid Special Edition inklusive T-Shirt und Soundtrack-CD zulegte – was ich zuvor nur bei Resident Evil 2 getan hatte und danach nie wieder tun sollte.

Wie fand ich nun Metal Gear Solid? Und konnte es meinen Erwartungen standhalten? Sagen wir mal so: Es war schon ein besonderes Erlebnis mit einer tollen Story, ausgefeiltem Sound und einigen interessanten Kniffen beim Gameplay – aber im Prinzip wanderte es nach einmaligem Durchspielen ins Regal zurück und wurde anschließend nur noch selten hervorgekramt.

„Metal Gear Solid“

„Metal Gear Solid“

War es nun eine Enttäuschung? Nein, das nun auch nicht, denn ich lernte durch das Spiel abzuschätzen, inwiefern einer euphorischen Berichterstattung wirklich zu trauen ist beziehungsweise auf welche Stimmen man dabei zu achten hat. Leider starben somit auch weitestgehend meine Kopfspiele und wurden durch ein wesentlich „realistischeres“ Gefühl in Bezug auf die Einschätzung von Videospielen ersetzt. Schade, dass dabei auch eine gewisse Magie flöten ging. Vielleicht hattte es aber auch einfach damit zu tun, dass ich inzwischen fast die Volljährigkeit erreicht hatte. Später nahm dann noch zusätzlich der Digitalvertrieb einen immer höheren Stellenwert ein und ich hatte meine eigene Kohle, weswegen keine Videospiel-Luftschlösser mehr aufgebaut werden konnten.

Nach dem Abspann ist die Luft raus

Heute, mit fast 20 Jahren Videospielerfahrung, würde ich außerdem sagen, dass man ein einmal durchgespieltes Videospiel nach Möglichkeit nie wieder anrühren oder, wenn überhaupt, mit weitaus geringeren Erwartungen zocken sollte. So war ich 2011 etwa hin und weg von Heavy Rain, aber beim zweiten Durchgang im folgenden Jahr deutlich ernüchtert. DLCs oder multiple Endsequenzen können daran leider auch nichts ändern – habe ich bei einem Videospiel einmal den Abspann gesehen, ist bei mir irgendwie die Luft draußen.

Da waren die Kopfspiele von früher manchmal doch schöner. Denn da ging es irgendwie immer weiter — und man musste nicht mal etwas dafür bezahlen.

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