Wenn eine Spielekonsole über 20 Jahre alt ist und man bei ihrer (Deutschland-)Markteinführung bereits volljährig war, dann ist das vermutlich ein sicheres Zeichen dafür, dass man älter wird. 21 Jahre. So lange ist es nun schon her, dass Sony mit der PlayStation die Videospielwelt revolutioniert hat.

Ich könnte jetzt lang und breit davon erzählen, wie die erste PlayStation am 3. Dezember 1994 in Japan erschienen ist und was das für einen gewaltigen Knall in der Spieleindustrie auslöste. Davon, dass Sony die in der 8- und 16-Bit-Ära dominierenden Konsolenhersteller Nintendo und Sega quasi aus dem Stand hinter sich ließ und die CD als Speichermedium für Videospiele etablierte. Auch wenn Nintendo mit dem N64 vorerst an der Modultechnologie festhielt.

PSone

Die kompakte PSone führte Sony kurz vor der Veröffentlichung der PlayStation 2 ein. Aus Kostengründen wurde sie ohne seriellen Port gefertigt, Multiplayer per Linkkabel fiel somit flach.

Ich könnte die alte Geschichte auspacken, dass die PlayStation letztendlich auf eine gescheiterte Kooperation zwischen Sony und Nintendo zurückzuführen ist und dass das “SNES-CD” nie das Licht der Welt erblickte.

Dann könnte ich all die wegweisenden PlayStation-Spiele aufzählen und beschreiben, die mich damals viel Schlaf gekostet haben. Und ich könnte vom DualShock-Controller berichten, der zeigte, wie ein gutes Gamepad auszusehen hat.

Das alles aber sollen andere in aller Ausführlichkeit tun.

Adem, der Modder 

Ich möchte stattdessen von einem Mann namens Adem berichten. Ich hoffe, ich habe seinen Namen richtig geschrieben; es scheint aber ein typisch türkischer zu sein. Also gehe ich mal davon aus, dass es so korrekt ist.

Adem war Mitte der Neunzigerjahre ein Glücksfall für mich. Denn er hat meine erste PlayStation, ein stinknormales PAL-Modell, mit einem der damals weit verbreiteten Modchips ausgestattet. Damit konnte man Importspiele aus den USA oder Japan abspielen. Und natürlich auch “Sicherheitskopien”, was aber nicht mein Ding war; ich stand schon immer auf die Haptik von Originalverpackungen.

"Ridge Racer"

“Ridge Racer”: Geniale Spielhallenumsetzung des Arcade-Rennspiels.

Adem war ein kleiner, kräftiger Mann Anfang 40 mit Glatze. Als ich ihn besuchte, um meine Konsole umbauen zu lassen – ich hatte den Tipp und Adems Telefonnumer von einem Kumpel erhalten –, saß er gerade in seinem Zimmer und schraubte und lötete an einer PlayStation rum, während sein kleiner Sohn in Windeln um ihn herumwuselte. Seine Kopftuch tragende Frau hatte mir lächelnd die Tür geöffnet, es war gerade Besuch anwesend, es roch nach Kaffee und Zwiebeln, es wurde viel gelacht, und alle waren extrem nett und höflich. Damals gab es noch keine Diskussion um eine angebliche Islamisierung des Abendlandes; die türkische Familie war mir auf Anhieb sympathisch.

Klar, was Adem da als Nebengeschäft betrieb, war nicht legal, genauso wenig wie es legal war, dass er aktuelle PlayStation-Hits für zehn D-Mark pro gebranntem Rohling anbot. Doch das war schließlich seine Sache. Und nachdem ich ihm unmissverständlich klar gemacht hatte, dass ich lediglich einen Modchip, aber keine gebrannten Kopien von ihm haben möchte, war die Sache okay für ihn. Davon mal abgesehen: Dass ich meine PlayStation modden lassen wollte, war zudem ja auch alles andere als von Sony abgesegnet oder erwünscht.

Während Adem meine Konsole auseinandernahm, erzählte er mir in gebrochenem Deutsch, dass er und seine Familie noch nicht lange in Deutschland leben würden und dass er hoffe, bald Arbeit als Elektriker zu finden. Sein Sohn gluckste vergnügt, und ich konnte es kaum erwarten, meine PlayStation wieder in Empfang nehmen zu dürfen. Der Umbau dauerte schließlich vielleicht 20 Minuten und kostete mich 50 Mark, wenn ich mich richtig erinnere.

Dann war meine PlayStation bereit für die NTSC-Welt. Endlich konnte ich Resident Evil im ungeschnittenen Original genießen, das großartige Horror-Rollenspiel Parasite Eve zocken und Metal Gear Solid direkt zum Release nebst fantastischer US-Sprachausgabe erleben. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Die deutsche Synchronisation des Spionagedramas war ein Fiasko, das zeigt dieser Direktvergleich:

Selbst als ich später bei der fun generation als Redakteur arbeitete, war die von Adem gemoddete PlayStation noch ein treuer Begleiter, wenn ich etwa nach Feierabend für eine Preview die japanische Version von “Final Fantasy VIII” spielen musste und mich hinterher bei Final Fantasy Anthology vom Sprach-Schock erholte. In der Redaktion selbst kamen seinerzeit übrigens die blauen Debugging Stations zum Einsatz.

Jetzt habe ich ja doch noch einige Spiele aufgezählt. Hach, die PlayStation. Waren eben einfach fantastische Titel dabei. Okay, dann doch noch ein paar weitere alte Lieblinge, die für immer essenziell bleiben: Wipeout, Ridge Racer, Tekken 3, Crash Bandicoot, Gran Turismo, Tomb Raider, Colin McRae Rally,  Resident Evil 2, Pandemonium, Final Fantasy VII, Tonky Hawk’s Pro SkaterSilent Hill, FIFA 99, Apocalypse, Forsaken, Syphon Filter. Um nur einige zu nennen – und viele, viele auszulassen, die ebenfalls eine Erwähnung verdient hätten.

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“Final Fantasy VII”: Der Rollenspiel-Klassiker wird 2016 als PS4-Remake neu aufgelegt – im umstrittenen Episodenformat. Dann soll jedoch ein Echtzeit-Kampfsystem zum Einsatz kommen, in der PlayStation-1-Version kämpfte man noch rundenweise.

Was Adem heute wohl so treibt? Ich hoffe, er hat damals eine Stelle als Elektriker gefunden und führt mit seiner Familie ein gesundes und glückliches Leben.

– Benedikt

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