Uncharted: The Nathan Drake Collection vereint die ersten drei Abenteuer von Nathan Drake in einer Sammlung für die PlayStation 4 – aufpolierte Grafik mit zeitgemäßer 1080p-Auflösung bei 60 Bildern pro Sekunde inklusive. Doch von der Technik mal abgesehen – was macht die Uncharted-Spiele so besonders und wieso werden sie immer wieder mit Tomb Raider in Verbindung gebracht?

Von Stefan Wild

Als das US-Studio Naughty Dog 2007 sein neues Spiel Uncharted: Drakes Schicksal veröffentlichte, interpretierten dies viele Beobachter als Kampfansage an die in die Jahre gekommene Tomb-Raider-Serie. Die Parallelen waren schließlich nicht zu leugnen: In Third-Person-Ansicht bereiste man exotische Orte, um verschollene Artefakte aufzuspüren und ruchlosen Widersachern zuvorzukommen. Der unnahbaren Lara Croft setzte Naughty Dog den charmanten Frauenhelden Nathan Drake entgegen. Gemeinsam mit seinem väterlichen Freund und Partner Victor Sullivan macht er sich in seinem ersten Abenteuer auf die Suche nach El Dorado und wandelt auf den Spuren seines vermeintlichen Vorfahren Francis Drake. Während das Gameplay bei Tomb Raider bis dato vor allem durch raumgreifende Rätsel und anspruchsvolle Klettereinlagen geprägt war, bestach Uncharted durch die ausgiebigen Deckungs-Shooter-Passagen. Auch Nate muss klettern und sich einigen Rätseln stellen, doch sind die Mechaniken vereinfacht, und für Kopfzerbrechen sorgen diese Abschnitte sicher nicht.

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Spring, Nathan.

Spielerisch konnte der kühne Drake weder die Akrobatik der kühlen Croft, noch das flüssige Gameplay des Shooter-Standardwerks Gears of War erreichen. Doch überzeugte Naughty Dog durch Charakterzeichnung und Dialoggestaltung; die Entwickler erzählten eine kurzweilige Geschichte mit witzigen Wortgefechten. Die tolle Grafik und spannende Inszenierung taten ihr Übriges: Drakes Schicksal begeisterte die Kritiker und wurde zum Verkaufsschlager. Im Gegensatz übrigens zum ein Jahr später erscheinendem Tomb Raider:Underworld.

“Uncharted 2”: Der Höhepunkt der Serie

2009 erschien das zweite Abenteuer des Nathan Drake, mit dem Naughty Dog seinen Ruf als geniales Entwicklerstudio festigte. Die Kalifornier entwickelten auf der Grundlage des guten Vorgängers ein in jedem Detail besseres Spiel. Diesmal stand Marco Polo Pate für eine actiongeladene Reise durch exotische Tempel und Städte. Die Szenarien waren abwechslungsreich und wunderschön präsentiert. Und auch das Gameplay bot eine ausgewogene Mischung aus Erkundung und Kampf. Among Thieves wurde mit Lob überhäuft und gilt noch heute als der Höhepunkt der Reihe. Uncharted war endgültig zum Action-Adventure-Aushängeschild von Sonys PlayStation-Konsole geworden.

Wieder zwei Jahre später kam Teil drei der Reihe auf den Markt. Als historische Persönlichkeit, deren Geheimnisse es zu lüften galt, musste nun T. E. Lawrence – besser bekannt als Lawrence von Arabien – herhalten. Außerdem stand Nates eigene Geschichte stärker im Mittelpunkt. Die Erzählstränge verhedderten sich allerdings bisweilen und wirkten unglaubhaft. Zwar war die Inszenierung wieder bombastisch und das Gameplay ausgewogener den je, aber leider fühlt sich die Leine, an der man durch die Abenteuer geführt wird, im dritten Teil besonders kurz an. So konnte die Qualität des zweiten Teils nicht erreicht oder gar übertroffen werden. Doch wer 2011 ein Actiongame spielen wollte, kam nicht an Drake’s Deception vorbei. Ein neues Uncharted war sowieso Pflicht für jeden PlayStation-Besitzer.

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“Uncharted”-Reihe: Fantastische Aussichten.

PS4-Sammlung mit Actionstar-Feeling

Uncharted: The Nathan Drake Collection für die PlayStation 4 hat sie nun alle. Gekürzt um die Mehrspielermodi, was gerade um die Koop-Missionen schade ist, dafür ergänzt um Speedrun- und Foto-Modus, die es vielleicht nicht unbedingt gebraucht hätte. Die Spiele wurden durch Bluepoint Games fachmännisch aufpoliert, und gerade der Ausflug nach Nepal in Among Thieves gehört noch immer zu den visuell schönsten Videospiel-Erlebnissen überhaupt. Doch auch darüber hinaus ist die Trilogie wahrlich nicht arm an optischen und inszenatorischen Höhepunkten.

Die stilsichere Unterhaltung hat jedoch ihren Preis. Wer sich Abenteuergames erhofft, die den Spieler in eine große, frei erforschbare Welt entführen, wird mit Uncharted nicht glücklich werden. Es sind stringent erzählte Spiele mit selten mehr als einem Lösungsweg. Dadurch wird im Gegenzug garantiert, dass man eigentlich nie all zu lang über ein Rätsel nachsinnt oder gar mit der Wegfindung hadert.

Der 2013 erschienene Reboot von Tomb Raider, der viele Anleihen an der Uncharted-Reihe nimmt, zeigt, wie ein storygetriebenes Abenteuerspiel in einer (mehr oder weniger) offenen Welt aussehen kann. Doch während die junge Lara nicht gerade durch Humor glänzt und im Kampf ums Überleben an ihren Taten zu zerbrechen droht, beweist Nate ein ums andere Mal, dass ihm die absurden Situationen, die so ein Videospiel hervorbringen kann, nicht verborgen bleiben. Dabei schwankt der Grundton seiner Kommentare stets zwischen amüsant und albern, wobei der Ausschlag nicht selten zu Letzterem tendiert.

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Lauf, Nathan.

Doch sei’s drum. Ein flotter Spruch nach aufreibender Verfolgungsjagd oder spannendem Schwusswechsel lässt Actionstar-Feeling aufkommen, da verzeihe ich dem Spiel gerne so manche Unglaubwürdigkeit. Kurzum: Die Nathan Drake Collection macht Spaß und bietet viele Stunden leichte Abendunterhaltung.

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