Im Gespräch mit Heinrich Lenhardt: “Das Schöne an Print ist/war, dass die Leser für den Content gezahlt und damit die redaktionelle Unabhängigkeit unterstützt haben”

Er ist einer der Helden meiner Jugend: Die Rede ist von Heinrich Lenhardt, einem der dienstältesten deutschen Spielejournalisten. Er hat mir mit Power Play und PC Player unvergessliche Lesestunden beschert und ist wohl mit dafür verantwortlich, dass ich das Schreiben über Spiele zum wichtigen Bestandteil meines Journalistendaseins gemacht habe. Mehr über Heinrich findet man auf Wikipedia.

Umso mehr freue ich mich, dass ich heute nicht nur mit ihm beruflich zu tun habe, sondern ihn für spielejournalist.de interviewen durfte. Ladies und Gentleman, here comes Trantor.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

spielejournalist.de: Hallo Heinrich, ich freue mich sehr, dass es nun endlich mit dem Interview klappt. Wie lebt es sich eigentlich als Deutscher im kanadischen Vancouver, wohin du vor Jahren ausgewandert bist? Wann genau war das und wie kam es dazu?

Heinrich Lenhardt: Sehr angenehm, danke der Nachfrage. Mit der Regenfreudigkeit kann man sich arrangieren, dafür sind wir hier im Winter weitgehend schneefrei, im Gegensatz zum Rest des Landes. Die Einheimischen sind sehr umgänglich und Zuwanderer-freundlich, zumal ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung ohnehin Englisch mit irgendeinem Akzent spricht – da integriert es sich ganz gut.

Die Kurzversion der Umzugshistorie: Ich hatte schon eine Weile mit dem Ausland geliebäugelt, als sich 1998 die Gelegenheit ergab, als US-Korrespondent für GameStar und PC Player zu arbeiten. Da residierte ich in Berkeley, schräg gegenüber von San Francisco. Im Laufe des Jahres 2001 lösten die Bay-Area-Lebenshaltungskosten und die nicht sonderlich Freiberufler-freundliche amerikanische Einwanderungspolitik den Weiterzug der Karawane nach Kanada aus. Vancouver hatte schon vorher im Rahmen von Geschäftsreisen einen prima Eindruck bei mir hinterlassen hatte.

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Die “Spieleveteranen”.

Für welche Publikationen arbeitest du zurzeit? Und hast du noch andere Betätigungsfelder außerhalb des Spieljournalismus?

Im Spielebereich zum Beispiel hier und da für PC Games, T-Online.de oder die deutsche Ausgabe der Retro Gamer. Regelmäßige Lenhardt-Regungen gibt’s auf GamersGlobal, wo meine heitere Nachtwache-Wochenkolumne jeden Samstag in den frühen Morgenstunden erscheint.

Nicht zu vergessen: die monatliche “Spieleveteranen”-Podcast-Runde. Hier experimentieren wir gerade damit, in welchem Ausmaße die Community durch freiwillige Spenden den Ausbau eines unabhängigen Formats unterstützt – kommt mehr Geld in die Patreon-Kasse, dann werden allmählich zusätzliche redaktionelle Komponenten freigeschaltet. Angesichts des anhaltenden Trends zur Autorenkosten-Vermeidung bei den traditionellen Medienhäusern ist das eine ganz spannende Alternative.

Ich beschäftige mich neuerdings auch mit einem anderen Medienbereich, der sich durch spektakulär lange Embargo-Fristen auszeichnet… es dauert also noch ein Weilchen, bis ich da etwas veröffentlichen darf.

Wie ist eigentlich der aktuelle Stand zu deinem eBook Lenhardts Spielejahr 1984? Bist du mit der Resonanz und den Verkäufen zufrieden?

Mit der Resonanz zu den Inhalten bin ich sehr zufrieden. Die Verkäufe bewegen sich im “OK, aber verbesserungsfähig”-Bereich, da habe ich den Zeitaufwand noch nicht eingespielt. Es ist wohl etwas zu früh für eine vernünftige Beurteilung; ich muss mal sehen, in welchem Ausmaße sich die Verkäufe langfristig läppern. Und das 1984-Buch war zunächst nur für Kindle erhältlich, mittlerweile gibt’s auch eine iBooks-Version. Beim nächsten Mal würde ich gleich einen Multiplattform-Launch anstreben.

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“Lenhardts Spielejahr 1984”: Die volle Dosis Spiele-Nostalgie.

Können wir denn in absehbarer Zeit mit einem Nachfolgewerk rechnen? Und wenn ja, wann und was ist inhaltlich geplant?

Ich hoffe, vor Ende diesen Jahres mit dem naheliegenden Nachfolger Spielejahr 1985 fertig zu werden. Der Redaktionsplan steht weitgehend, an interessanten Titeln mangelt es dem Jahrgang jedenfalls nicht: The Bard’s Tale, Paradroid, Silent Service… und so weiter.

Welche Spiele zockst du privat zurzeit?

Zu meinem eigenen Erstaunen bin ich doch noch mit Bloodborne warm geworden. Nachdem ich es endlich mal zum ersten Boss geschafft hatte und von da an meine Charakterwerte verbessern durfte, kam ich deutlich besser voran. Steuerung und Spannungsfaktor sind hervorragend, man braucht halt Zeit, Geduld und einen gelegentlichen Blick in einen Boss-Guide. Außerdem werde ich immer wieder bei Hearthstone rückfällig.

Und was macht Heinrich Lenhardt, wenn er nicht gerade vor dem Monitor spielt oder in die Tasten haut?

Der treue Hund sorgt dafür, dass ich ausreichend frische Luft in der Außenwelt schnuppere. Auf dem kulturellen Programm stehen primär Konzertbesuche, bevorzugt irgendwas mit dröhnenden Gitarren. Und ich leide ganz kompetent während der Eishockey-Saison mit, wenn das heimische NHL-Team mal wieder unter den Erwartungen bleibt.

Wie beurteilst du den heutigen Spieljournalismus im Vergleich zu früheren Power-Play- und PC-Player-Zeiten? Hat das Online-Zeitalter die Qualität negativ beeinflusst, weil immer alles schnell-schnell gehen muss?

Deadline-Druck und “Schnell testen!”-Stress gab’s ja auch schon früher, da musste man mit dem Druckereitermin kämpfen und hatte auch nicht für jeden Artikel beliebig viel Zeit. Der Vergleich mit früher ist schwierig, weil die Anzahl und Vielfalt der Spielemedien so stark gestiegen ist. “Viel mehr” bedeutet sowohl “mehr Murks” als auch “mehr gute Sachen”.

Das Schöne an Print ist/war, dass die Leser für den Content gezahlt und damit die redaktionelle Unabhängigkeit unterstützt haben, während viele Online-Formate ausschließlich auf Werbung angewiesen sind.

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Heinrich Lenhardts Baby: Spielemagazin-Pionier Power Play (Bild: Kultpower.de)

Wie denkst du über Let’s Plays, YouTube und Twitch? Ist das für dich eine Form von Spielejournalismus oder reine Unterhaltung?

Die Grenzen sind fließend. “Spielejournalismus” will ja ohnehin unterhalten, schließlich schreibt man meist für eine Spiele-affine Zielgruppe über deren Hobby. Ich glaube auch, dass die Leser beziehungsweise Zuseher sehr wohl wissen, was sie bei den einzelnen Formaten erwartet. Für analytische Kaufberatung lese ich eher einen Test, aber wenn ich auf lockere Weise ein Spiel präsentiert bekommen will, kann ein langes Video sehr nett sein, das man auch mal im Hintergrund laufen lässt.

Es ist sehr spannend, welche Content-Formate sich durch neue Technologien und Plattformen ergeben. Der Video-Bereich hat ja eine erstaunlich lange Geschichte: Die Stunde der Kritiker machen wir jetzt auch schon seit fünf Jahren und Video-Vorstellungen von neuen Spielen gab’s bereits in den 90er Jahren auf Zeitschriften-CD-ROMs.

Wenn du unbegrenztes Budget für die Entwicklung eines Spiels hättest und deinen Lieblingsentwickler mit der Programmierung beauftragen dürftest: Was wäre das für ein Titel?

So etwas wie The Witcher 3 mit Hearthstone (statt Gwent) als “Spiel im Spiel”, einer Action-Steuerung à la Bloodborne und weniger nervös im Wind zuckenden Bäumen – das wär’s doch. Ich würde außerdem Valve gerne dazu anregen, sich des Themas Half-Life 3 etwas intensiver zu widmen, aber die haben wohl genug Geld und spielen lieber MOBAs.

“Thimbleweed Park”

Aber ernsthaft: Eine Reihe von lange ersehnten Fortsetzungen zu Klassikern werden jetzt dank Crowdfunding Wirklichkeit, insbesondere freue ich mich auf The Bard’s Tale IV oder Ron Gilberts Adventure Thimbleweed Park.

Ist es denkbar, dich irgendwann mal wieder beruflich in Deutschland anzutreffen?

Ich lauere noch auf eine gute Gelegenheit, um die Spesen zu rechtfertigen – vielleicht klappt’s rund um die Veröffentlichung des Spielejahr-1985-Buchs, wenn mal ausnahmsweise keine Arbeitskampf-Abenteuer bei Lufthansa und Bahn drohen.

Ich würde mich sehr freuen. Und danke dir vielmals für das Gespräch. Alles Gute nach Vancouver!

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