Spieletests, Diskussionskultur und Wertungen: Shitstorm bei GamePro und GameStar wegen “Resident Evil”-Test

Gestern ist die Neuauflage des Survival-Horror-Klassikers Resident Evil erschienen. Ich persönlich finde sie großartig; sie ist meines Erachtens ein Remake, das sich lohnt. Weniger begeistert von dem Spiel sind die Kollegen von GamePro (Spielspaß-Wertung für die Konsolen-Versionen: 68 Prozent) und GameStar (PC-Version: 64 Prozent), deren Testberichte man hier und hier lesen kann. Soweit eigentlich nicht ungewöhnlich. Meinungen gehen nun einmal auseinander, und das ist auch gut so.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Im Fall von Resident Evil HD Remaster hat das nun aber einen ziemlichen Shitstorm ausgelöst. Ob in den Kommentaren auf der Facebook-Seite von GamePro oder in den Leserbeiträgen unter dem GameStar-Test — was man da zu lesen bekommt, ist inhaltlich teilweise erschreckend niveaulos und nicht selten von aggressiver Tonalität geprägt. Hier mal ein paar Beispiele, die Zitate sind eins zu eins übernommen (die Rechtschreib- und Grammatikfehler ebenfalls). (22.1.: Ich habe sie um einige weitere aktualisiert.)

– “Was isn das fürne Pfeife die hier das Spiel bewertet? Weist du was du Affe: Geh wieder Assasins Creed oder Resident Evil 6 zocken wenn dir das Inventar Handling zu aufwändig ist (ist ja nur so, dass das zur Atmosphäre beiträgt) und wenn du ohne Autosave nicht klar kommst… Da hast du dann auch deine blinkenden Pfeilchen und ein Tutorial und alles was Leute wie du eben so brauchen.

Aber bitte teste nie nie nie wieder einen Resident Evil Teil! Dafür bist du einfach zu schlecht.”

– “Was ist los Gamestar? Benötigt ihr Klicks, die ihr durch soll eine TrollWErtung erhaltet? Hat Capcom in letzter Zeit nicht genug gesponsort?”

– “Jeder der dass Spiel kacke bewertet hat einfach keine Ahnung davon ganz einfach”

– “Traurige Wertung, da merkt man mal das die Leute von der Gamepro einfach keine Ahnung haben und nur dem Mainstream folgen..”

– “Meine Fresse Gamestar, was seid ihr nur für … ?”

– “68 % ist eine Bodenlose Frechheit für so ein großartiges Spiel ! Ihr macht euch mehr als lächerlich !”

– “Das geht garnicht lieber Gamepro.”

– “Der Test ist ein Witz oder?”

– “Warum zum Henker hat The Evil Within 90 % von euch bekommen ?! Das Spiel basiert auf ein 10 Jahre altes RE4 Gameplay und wird nicht mit 68 % bewertet wegen veraltetes Gameplay komisch ! Daher ist die ganze Review zu RE HD Remaster von euch sowieso nicht mehr ernst zu nehmen !”

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“Resident Evil HD Remaster”

– “Lächerlicher Test”

– “Game pro leidet wieder an Realitätsverlust”

– “Na da hat Gamestar die zwei größten Hohlroller aus der Redaktion das Game testen und zerreissen lassen !”

– “Testet lieber weiter CoD, und überlasst solche Spiele die, wo schon Mitte der 90er gezockt haben.”

– “Möp, das war dann wohl ein Griff ins Klo, Gamestar. Aber allen Respekt, dass ihr mal tatsächlich gegen den Strom schwimmen wollt. Leider nur gänzlich im falschen Moment.”

– “Was ein hirnloser Test. Solch einen geistigen Müll liest man wirklich selten liebe Gamestar.”

– “Der Test ist einfach nur zum fremd schämen.”

– “Omg…der test is sowas von überflüssig….eure Kritikpunkte sind genau das was resident evil ausmacht….”

Und so weiter. Da HD Remaster auf Metacritic einen Wertungsdurchschnitt von über 80 hat, sehen sich viele auch noch bestätigt: Die da bei GamePro/GameStar haben doch keinen Plan! Lügenpresse!

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Szene aus “Resident Evil Director’s Cut” (PlayStation, 1997).

Ich meine: Mal ernsthaft, was soll das? Woher nehmen sich all diese User das Recht heraus, die Tester persönlich anzugreifen, zu beschimpfen und voller Hass auf sie einzuprügeln? Das geht gar nicht.

Ganz egal, welche Meinung man auch vertritt — es muss doch möglich sein, auf einem vernünftigen Niveau zu diskutieren. Es ist wichtiger denn je, dass der Spielejournalismus im Jahr 2015 kontroverse, mannigfaltige, gerne subjektive Meinungen hervorbringt. Das muss selbst der größte Fanboy aushalten können.

Diese Reaktionen auf den GamePro-/GameStar-Test von Resident Evil HD Remaster werfen mal wieder kein gutes Licht auf die im Netz aktive Spielerschaft — der Arschlochgamer lässt grüßen. Schon die Gamergate-Debatte hat gezeigt, dass auch bei Spielern in Sachen Diskussionskultur reichlich Nachholbedarf besteht. Das ist aber natürlich ein generelles Netz-Problem, das sich nicht auf Gamer beschränkt; man denke nur an die verbalen Schlammschlachten zwischen Pegida-Anhängern und -Gegnern.

Das alte Wertungsdilemma der Fachpresse  

Dieser Shitstorm zeigt aber eben auch ein großes Problem der deutschen Spielekritik auf: Sie versucht krampfhaft, Spiele objektiv zu bewerten, ohne wenn und aber. Diese Herangehensweise finde ich problematisch. Muss man denn so einen Klassiker wie Resident Evil wirklich auf Teufel komm raus nach modernen Maßstäben bewerten, sich einem selbst auferlegten Testtabellen- und Wertungskategorien-Zwang sklavisch unterwerfen? Kann man das Remaster eines fast 20 Jahre alten Spiels nicht einfach mal so nehmen, wie es ist — und statt Grafik, Sound, Spieldesign, Gameplay und Features penibel zu analysieren, die spielekulturelle Bedeutung des Werks, das subjektive Spielerlebnis und die emotionale Komponente in den Vordergrund stellen?

Ich glaube, die meisten GamePro-/GameStar-Kommentarschreiber sind deshalb so wütend, weil die Tester so wenig Empathie zeigen. Und weil sie das alles eigentlich gar nicht lesen wollen: dass das Spieldesign von Resident Evil altbacken, das Backtracking nicht zeitgemäß, das Inventarsystem hoffnungslos veraltet ist. Dass die Rätsel oft konstruiert und Story und Charaktere so lala sind. Denn das weiß jeder einigermaßen reflektierte Resident-Evil-Fan ohnehin.

Die meisten Spieler wollen ihren neuerlichen Gruselausflug in das alte Herrenhaus eben einfach nur in vollen Zügen genießen und in seliger Nostalgie schwelgen. Vielleicht war Resident Evil ihr erstes Horrospiel überhaupt? Vielleicht waren sie damals erst elf Jahre alt und haben es heimlich gezockt? Vielleicht verbinden sie es mit dieser unschuldigen, aber extrem aufregenden Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte und Sony mit der ersten PlayStation-Konsole die Welt der digitalen Spiele revolutionierte? Da wird jeder seinen ganz eigenen Gründe haben.

Das "Resident Evil"-Remake für Gamecube von 2002.

Das “Resident Evil”-Remake für Gamecube von 2002.

Ja, aber was ist mit den jungen Nachwuchsspielern, die das Original von 1996 oder das Gamecube-Remake von 2002 nicht kennen, muss man denen nicht vor allem erklären, was an Resident Evil HD Remaster nach heutigen Gesichtspunkten alles schlecht ist? Wenn man mich fragt: Nein, das muss man nicht. Man kann die Kritikpunkte an diesem Remaster ja durchaus einfließen lassen; ein Fachmagazin hat die Aufgabe, genau dies zu tun.

Man sollte aber doch ebenso erklären, was an diesem Spiel so wegweisend war, wie es eine ganze Generation von PlayStation-Spielern elektrisiert und das Survival-Horror-Genre so maßgeblich geprägt hat. Wie es sich damals anfühlte, das erste Mal die alte Villa zu betreten, auf den ersten Zombie zu treffen, sich vor Angst fast in die Hose zu machen, als der Zombiehund durchs Fenster sprang. Warum Spiele früher eben noch sperriger waren und die Entwicklern den Konsumenten viel mehr zugetraut haben. Warum man trotzdem gerne bereit war, sich mit Munitionsknappheit, limitierten Inventarplätzen und nervigen Crimson Heads herumzuschlagen. Eben was die große Faszination an Resident Evil ausmachte. Und die Wertung? Hätte man auch einfach mal weglassen können.

Vielleicht ist dieser Ansatz in einem Spielefachmagazin, das sich vor allem als Kaufberatung für seine Leser versteht, jedoch gar nicht möglich. Was meint ihr? Kann man einen Klassiker wie Resident Evil überhaupt ohne Nostalgiebrille rezensieren?

Ich für meinen Teil bin froh, dass ich das Spiel nicht für die Fachpresse, sondern für das General-Interest-Portal T-Online besprechen musste — womöglich wäre ich in ein echtes Dilemma geraten.

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10 Kommentare

  1. Was ich nicht verstehe ist, warum du dich in den nivealosen Beiträgen verbeißt. Warum müssen wir überhaupt über derlei Abschaum sprechen? Lösch’ den Beitrag, blockier’ den Benutzer und fertig ist der Lachs.
    Worüber du irgendwie gar nichts sagst, sind die Beiträge, die Verbesserungsvorschläge zum Bewertungssystem der Gamestar geben oder solche, die ernsthaft und reif diskutieren. Deine Kolumne hier ist eine annähernd unreife Reaktion wie die der ganzen hasserfüllten Streithähne, die du zitierst.

    Ich habe mir übrigens sämtliche Kommentare auf Gamestar durchgelesen und nicht eins deiner Zitate wiedergefunden. Handelt es sich bei deiner Quelle um die Facebook-Beiträge? Du willst mir aber nicht wirklich weismachen, dass du Facebook als reliablen Boden für eine niveauvolle Diskussion heranziehen willst, oder?

    • Die Zitate sind eine Sammlung verschiedener Kommentare von GameStar.de/GamePro.de sowie der Facebook-Seite (ich glaube von GamePro) am Tag des Blogeintrags.

      Auch GameStar war dabei, ich habe jetzt aber nicht überprüft, ob da mittlerweile was gelöscht wurde, das ist ja jetzt schon eine Weile her. Die wirklichen Klöpse habe ich mir sogar verkniffen.

      Mir ging es in meinem Blogeintrag vor allem um den Shitstorm, den dieser Test ausgelöst hat und um das alte Wertungsthema an sich. Ich fand es mal wieder faszinierend zu sehen, wie die Leute da im Netz gleich ausflippen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich sehe darin nichts Unreifes, wenn ich einen solchen Vorfall dokumentiere.

      • Touche. Ich gebe zu, dass mein Punkt, den du ansprichst, unüberlegt war. Seit dem Jahrhundertwechsel sieht man echten dokumentierenden Journalismus immer seltener, insbesondere wenn er auch wertungsfrei bleibt. Deswegen will ich nicht abstreiten, dass ich ihn nur schwerlich erkenne, wenn er mich anschreit.

        Vielleicht solltest du dir, mit dem dokumentierendem Anspruch deiner Kolumne, im Gegenteil sogar sämtliche “Klöpse” aufschreiben. Ich frage mich häufig, ob die Menschen, nachdem sich der Staub gelegt hat, weiterhin auf ihren Hass und ihre Schimpftiraden bestehen, oder ob selbst solche Individuen ein Schamempfinden haben.

        P.S.: Hab’ diese Seite noch nie zuvor gesehen, bin aber ausgesprochen dankbar, dass Gastkommentare erlaubt sind.

  2. Wenn man nur sieht wie positiv das Remake angenommen wird in Foren / Kommentaren und Metacritic bin ich da anderer Meinung 😉 Und wohin es RE geführt hat mit der Casual Schiene hat man ja mit 6 gesehen. Natürlich kann man hier und da an ein paar Stellschrauben drehen aber im Kern das selbe Spiel das wollen die Fans.

  3. Es geht ja nicht um die Zahl warum sich alle Aufregen sondern um den Test an sich. Er ist total einseitig geschrieben positive Elemente werden GAR NICHT hervorgehoben. Desweiteren ist es ein Witz mit heutigen Standards an einen bald 20 Jahre alten Spiel heranzutreten. Schon allein deswegen weil die heutigen “Standards” keinen falls eindeutig besser sind als damals. Scriptschläuche mit CoD Action z.b. oder Die typische Ubisoft Open World Formel sollen bessere Standards sein als das gute total Atmosphärische Resident Evil mit sehr knackigen Rätseln und kämpfen wo SURVIVAL noch groß geschrieben wurden ist ? Ja dann gute Nacht !

    Dazu empfiehlt man vehement noch Neulingen das Spiel nicht auszuprobieren eine große Sauerei ist das. Warum sollten Neulinge nicht mal einen wegweisenden Meilenstein der Spiel Geschichte spielen ? Sowas ist einfach Arm !

    Davon abgesehen sehe ich oben wenige Kommentare die den Redakteur persönlich angreifen sondern den Test (Zu Recht) kritisieren.

    • Ich wollte die Redakteure hier nicht namentlich zitieren. In den Originalkommentaren wurden sie teils wüst beschimpft.

      • Also ich würde mir mal ein neues RE wünschen das exakt ist wie RE 1 vom Gameplay. Ich gehe jede Wette ein das es in Tests und bei den Spielern durchweg sehr Positiv aufgenommen wird wenn die es ähnlich gut hinkriegen wie bei RE 1 inkl. der tollen Atmosphäre. Von wegen veraltet. Die Tests waren großer Bockmist und das soll man auch so sagen dürfen. Gamer sind halt emotional.

      • Die emotionale Komponente kommt mir im Spielejournalismus ohnehin viel zu kurz. Das Spielgefühl entscheidet schließlich letztendlich, ob wir ein Spiel toll finden oder nicht.

        Ob ein neues RE mit exakt dem gleichen Gameplay wie von Teil 1 heute funktionieren würde, mag ich bezweifeln. Man könnte aber in jedem Fall die besten Ideen von RE 1 und vor allem die großartige Atmosphäre übernehmen.

  4. ich schätze, die meisten games-redakteure würden das %-system lieber heute als morgen unter den tisch fallen lassen. derartige versuche gingen meines wissens nach bislang aber, zumindest bei der printpresse, immer mächtig in die hose.

    das gamestar/gamepro-system ist aber auch in meinen augen, ein totaler schuss in den ofen. spielspaß ist nun einmal NICHT die summe aus grafik, sound, balance etc. da wird objektivität vorgegaukelt, wo es keine geben kann.

    • Ja, leider ist das Prozentsystem scheinbar immer noch nötig. Ein 5-Sterne-System fände ich völlig ausreichend, das hat aber schon bei der PC Player nicht funktioniert. Mal sehen, vielleicht traut sich ja mal wieder jemand an was Neues.

      Die Wertungen sind aber nur das Eine, es muss in der Tat endlich Schluss sein mit diesem ganzen Pseudo-Objektivismus. Ich will mehr “Ich” in Spieleartikeln.

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