In nie gekannter Breite wächst derzeit eine Generation von Kindern heran, deren Mütter und Väter in ihrer Jugend begnadete Gamer waren und dies heute immer noch sind. Was bedeutet das für den Nachwuchs? Werden aus ihnen Kellerkinder oder doch medienbewusste Menschen? Manuskript einer fiktiven TV-Doku.

Ein Gastbeitrag von Thomas Mitterhuber

MODERATOR: Guten Tag, liebe Zuschauer. Willkommen bei Ave Mario! In der heutigen Sendung widmen wir uns denjenigen Eltern, die selbst schon immer gespielt haben. Denn die allererste Gamer-Generation aus den Siebziger und Achtziger Jahren ist etwa seit der Jahrtausendwende dabei, Familien zu gründen, will ihrem bisherigen Hobby jedoch keinesfalls entsagen. Diese Gamer, bisweilen nicht zu Unrecht angesehen als Inbegriff von Maßlosigkeit, Realitätsflucht und Never Growing Up, sollen nun für Erziehung und Wohlergehen ihrer Kinder verantwortlich sein. Da stellt sich die Frage: Kann das gelingen — oder schiefgehen? Dazu haben wir einen Filmbeitrag vorbereitet.

Die Kamera zoomt durch das Fenster einer Hochhauswohnung an einen Schreibtisch, an dem ein dicker, pickeliger Junge im Pubertätsalter hockt, die Hände kleben an Maus und Tastatur, auf dem Kopf trägt er ein Headset. Seine Augen sind auf den Bildschirm fixiert, aus den Lautsprechern tönen Battlefield-Kampfgeräusche. Plötzlich schreit er: “Papaaa, ich sterb’ wegen Hungeerrrr!” “Ja, verflixt, ich bin an dieser Quest dran, schieb dir doch selber ‘ne Pizza rein, Florian!” tönt es aus einem anderen Zimmer.

MODERATOR: Was wir eben gesehen haben, ist Realität in deutschen Kinderzimmern. Zu diesem spannenden Thema haben wir heute einen Experten zu Gast. Wir möchten begrüßen: Herrn Dr. Rudolf Kammerl, Professor für Medienpädagogik an der Universität Hamburg. Herr Professor, wie würden Sie dieses Szenario bewerten? Müssen wir uns auf eine solche Jugend einstellen – verwahrlost, abgestumpft und unselbstständig?

KAMMERL: Jungs, mehr DPS!!! Na los, legt euch ins Zeug, sonst legen wir den Boss heute gar nicht mehr!

MODERATOR: Ähm… Herr Professor?

KAMMERL: Oh, Sie haben mich eben etwas gefragt?

Man hört jemanden auf eine Taste (wohl die für Push-to-Talk) drücken und hastig Anweisungen in die Tastatur eintippen.

MODERATOR: Spielen Sie gerade etwa nebenbei?

KAMMERL (streng): Ihre Frage, bitte!

MODERATOR: Gut. Ich hatte Sie gebeten, diesen soeben gezeigten Filmausschnitt zu kommentieren. Werden alle Kinder, deren Eltern gamen, so wie Florian?

KAMMERL: Nein, ganz sicher nicht. Aus Beratungsstellen für exzessives Spielen werden zwar immer wieder vergleichbare Einzelfälle berichtet, in denen exzessiv spielende Elternteile mit ihren exzessiv spielenden Kindern zusammen hausen. Berichtet wurden auch schon Fälle, in denen spielende Eltern offensichtlich auch ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen — bis hin zur Kindesvernachlässigung. Angesichts der geringen Fallzahl ist die Forschung allerdings noch in den Anfängen.

Der Trend ist jedoch klar: Der Anteil der Gamer in der Elternschaft steigt aktuell deutlich an. Insbesondere Väter heutiger Neugeborener haben — anders als das Gros der Eltern jugendlicher Kinder — mehr oder weniger umfangreiche Gaming-Vorerfahrungen. Spielende Väter und skeptisch-zurückhaltende Mütter dürften in dieser Konstellation sicher am häufigsten aufzufinden sein. Es gibt aber auch Gamer-Pärchen.

Welchen Einfluss das Aufwachsen mit exzessiv spielenden Eltern auf das Spieleverhalten der Kinder hat, könnte davon abhängig sein, ob das Gaming vom Kind als Möglichkeit genutzt werden konnte, mit dem Elternteil in Kontakt zu kommen oder ob das Spieleverhalten nur als Zurückweisung erlebt wird.

Nintendos Idealbild der auf der Wii-Konsole gemeinsam daddelnden Familie. Quelle: Nintendo

Nintendos Idealbild der auf der Wii-Konsole gemeinsam daddelnden Familie. (Quelle: Nintendo)

MODERATOR: An dieser Stelle möchten wir unseren zweiten Gast begrüßen: Frank Tiedemann, 44, Anwendungsinformatiker und passionierter Gamer. Herr Tiedemann, Sie sind heute Vater zweier erwachsener Kinder. Welche Rolle spielen Games in Ihrer Familie?

TIEDEMANN: Seit etwa 1990 fing ich mit dem Zocken an, hauptsächlich Strategiespiele und Ego-Shooter. Später, mit dem Ausbau des Internets, zog ich vermehrt Multiplayer-Spiele vor. Ich achtete aber darauf, das als Ausgleich, als Hobby eben zu betreiben – und darauf, dass meine Mitspieler ähnlich tickten. Dies insbesondere, weil ich 2004 meine Leidenschaft zum Beruf machte – als Community Manager sowie Ansprechpartner für deutschsprachige Belange bei einem Spielehersteller. Für meine Frau waren Computerspiele allerdings schon immer komplett uninteressant. In Bezug auf die Kinder achtete sie aber genauso wie ich drauf, was wie gespielt wurde.

Kurz vor ihrer Einschulung kam meine Tochter auf meine Initiative hin mit Computerspielen in Berührung, es fing mit Lern- und Geschicklichkeitsspielen an. Bald aber verlor sie das Interesse und widmet sich bis heute ihrer Leidenschaft für Pferde. Bei meinem zwei Jahre jüngeren Sohn war das ähnlich, auch weil er wenig Zeit hatte, da er von sich aus seine sportlichen Aktivitäten – ​Fußball, Feldhockey und Selbstverteidigung – vorzog.

​Später aber, ab etwa 14 Jahren spielte er wieder regelmäßig, vor allem war er recht aktiv in der Counter-Strike-Szene und wurde als Ligaspieler umworben. Das Interesse an Computerspielen verlor er nach einigen Jahren wiederum aus den Augen durch American Football, seine Clique und erste feste Freundinnen. Er zockt heute mit 17 kaum noch. Heute sind meine beiden Kinder oft offline unterwegs, aber auch regelmäßig auf Facebook oder in Chats.

MODERATOR: Professor Kammerl, Sie haben in der Mehrzahl spielende Väter erwähnt. Sind sie wie Herr Tiedemann die Türöffner ihrer Kinder in die Welt der Computerspiele?

KAMMERL: Ja, aber nicht nur. In der Studie Computerspiele(n) in der Familie, an der ich mitgearbeitet habe, wurde festgestellt, dass es neben den Vätern oft auch die Geschwister oder die Onkel sind, die die Kinder in diese Welt einführen.

MODERATOR: Was bedeutet die Geburt eines Kindes für Eltern mit einer Gamer-Biografie?

KAMMERL: Der Beginn einer Elternschaft bedeutet meist auch Einschränkungen bei den Freizeitaktivitäten. Zwar kann Gaming besser als zum Beispiel Extremsportarten mit den neuen häuslichen Pflichten verbunden werden, die Herausforderungen der Elternrolle führen aber in der Regel auch hier zu zeitlichen Einschränkungen und zu Spielunterbrechungen. Je nach Lebenslage können auch das finanzielle Budget und die räumliche Situation betroffen sein. Die Freude über den eigenen Nachwuchs und das Ausfüllen der eigenen Elternrolle führen aber im Normalfall dazu, dass diese Änderungen nicht zu sehr als Verlust erlebt werden.

TIEDEMANN: Das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Von vormals bis zu 50 Wochenspielstunden reduzierte sich das in den ersten Lebensjahren meiner Kinder stark auf eine etwa einstellige Stundenzahl und das pendelte sich erst mit der Einschulung meiner Kinder wieder auf durchschnittlich 10 bis 20 Stunden pro Woche ein.

MODERATOR: Bevor ich die nächste Frage stelle, sehen Sie sich bitte unseren nächsten Einspieler an.

Quelle: Microso

Auch Mami darf mal an den Controller. (Quelle: Microsoft)

Man sieht Spielszenen eines MMORPG-Raids. Dieser wird von einer Gilde bestritten, in der Vater, Tochter und Sohn allesamt aktive Mitglieder sind. Die Kamera schwenkt auf die Uhr, die Punkt 21 Uhr anzeigt, während die Mutter den Hobbyraum betritt und zu ihrem Jüngsten sagt: “Komm, es wird Zeit.” Der Sohn verabschiedet sich daraufhin anstandslos von seinem Raid und mit einem Kuss auf Mamas Wange Richtung Kinderzimmer, ohne sich vorher vom Spiel auszuloggen. Denn seine Mutter ist nun diejenige, die sich hinsetzt und Sohnemanns Charakter bis zum regulären Raid-Ende um 23 Uhr übernimmt.

MODERATOR: Wir haben soeben einen reibungslosen Ingame-Schichtwechsel zwischen Sohn und Mutter beobachten können. In vielen anderen Familien hätte es die immergleichen Konfliktszenen gegeben: genervte Raid-Mitglieder, ausrastende Teenager und elterliche Drohungen, den Stecker zu ziehen. Erkennen Sie sich selbst darin wieder, Herr Tiedemann?

TIEDEMANN: Es gab bei meinem Sohn mal eine Phase der Aggressivität, da wurde es auch exzessiver mit dem Gamen, was wir mit Spielverbot geahndet hatten. Im Rückblick denke ich jedoch, dass das der Pubertät zuzuschieben ist, zumal sich das auch schnell wieder legte.

MODERATOR: Inwieweit hat Gaming das Potenzial, klassische Familienstrukturen aufzubrechen?

KAMMERL: Ob Sohnemann gut schläft, wenn Mutti den Raid zu Ende bringen soll? In vielen Fällen würden Jugendliche das überhaupt nicht wollen. Wenn generationenübergreifendes Teamplay klappt, könnte es aber auch sein, dass der Sohn unbedingt noch zusehen will, wie die Mutter die spannende Aufgabe erledigt.

Entscheidend aus meiner Perspektive ist die Frage, wie das Gaming den Alltag strukturiert. Wird abends, wenn die Kinder zu Bett sind, gemeinsam zur Entspannung mit der Konsole gespielt oder finden wir ein fragmentiertes Familiensystem vor, in dem jeder für sich die meiste Zeit alleine vor einem Monitor sitzt? Gemeinsames Spielen kann zu einem Familienereignis werden, Gaming kann aber auch als separierende Einzelbeschäftigung gestaltet werden.

MODERATOR: Möchten Sie damit sagen, der “Battlefield”-Junge Florian ist so geworden, weil sein Vater lieber an seiner Sim City herumbaut, anstatt zusammen mit ihm Ego-Shooter zu spielen?

KAMMERL: Gemeinsames Spielen kann, ob mit- oder gegeneinander, tatsächlich als verbindungsstiftendes Familienevent erlebt werden, in dem wichtige soziale Interaktionsprozesse stattfinden. Jedoch würde Ihre Erklärung hier zu kurz kommen, da die Ursachen für eine derartige Vernachlässigung vielfältig sein können.

MODERATOR: Herr Tiedemann, wie war das bei Ihnen?

TIEDEMANN: Wenn bei uns gemeinsam gezockt wurde, dann waren es Geschicklichkeitsspiele. Da kegelten meine Kinder​ sich damals oft gegenseitig die jeweilige Rangliste eines Spieles rauf und runter. Anderen Spielen wurde eher für sich nachgegangen, je nach Interesse.

MODERATOR: Herr Professor, was für einen Effekt hat das elterliche Gaming auf die Kinder hinsichtlich schulischer Leistungen und sozialem Umfeld?

KAMMERL: Zunächst sind die Einstellungen von Eltern zum Gaming entscheidend dafür, ob sie ihren Kindern den Zugang zu Spielen ermöglichen oder verweigern. Darüber hinaus ist die Vorbildfunktion ausschlaggebend. Beim Fernsehen gilt: Kinder, die viel fernsehen, wohnen in Vielfernseherhaushalten.

Ähnliches zeichnet sich auch beim Thema Gaming ab. Haushalte mit häufig spielenden Eltern haben daher besonders gute Chancen, dass auch im Kindesalter das Fernsehen als Leitmedium abgelöst wird. Wir können das Spielverhalten von Eltern aber nicht als homogene Größe ansehen. Abhängig vom Bildungshintergrund der Eltern divergieren das vorgelebte Spielverhalten, die Spielpräferenzen und die familiale Medienerziehung stark. Vereinfacht gesagt: Die formale Bildung der Eltern und die Beziehungsqualität in den Familien sind für die Entwicklung der Kinder wesentlich entscheidender als die Frage, ob Papa nun Sportschau guckt oder lieber FIFA spielt.

MODERATOR: Gibt es plattform-, genre- oder genderspezifische Unterschiede hinsichtlich der Auswirkungen?

KAMMERL: Gaming ist nach wie vor in erster Linie eine Domäne, die männlich besetzt ist. Entsprechend treffen Jungs früher auf ein Spieleangebot, das auf sie ausgerichtet ist. Sie spielen länger und häufiger und tauschen sich mit anderen Jungen über Spiele aus. Die Mütter übernehmen nach wie vor den größten Teil bei den Erziehungsaufgaben, setzen sich aber ungern mit dem Spieleverhalten ihrer Söhne auseinander.

Bei den Plattformen gibt es einen leichten Bildungseffekt: Gymnasiasten nutzen häufiger den PC, die Spielekonsole ist in anderen Schularten häufiger vertreten. Selbstverständlich müsste auch noch weiter nach Genre differenziert werden: Social Games werden häufiger von jungen Frauen gespielt. Bei den Shootern dominieren die Männer noch stärker als in anderen Genres.

Und weil's so schön ist: Nochmals Nintendos eine spielende Vorzeigefamilie. Marketing-Idylle à la Nintendo. Quelle: Nintendo

Und weil’s so schön ist: Noch eine spielende Vorzeigefamilie. Marketing-Idylle à la Nintendo. (Quelle: Nintendo)

MODERATOR: Exzessives Gamen kann ernsthafte Folgen nach sich ziehen. Unbestritten sind aber auch die positiven Effekte von Spielen. Inwieweit wird dieser Umstand in der Forschung berücksichtigt?

KAMMERL: Da heute schon absehbar ist, dass das Spieleverhalten der Eltern unter Berücksichtigung der sozialen Ungleichheit zu unterschiedlich verteilten Chancen und Risiken führt, rücken entsprechend Potenziale und Problemfelder in das Interesse der Forschung. Von der Konfrontation mit nicht altersgemäßen Spielen bis hin zu den Bildungspotenzialen von Spielen ist das ein weites thematisches Spektrum.

Als Medienpädagoge halte ich dabei vielmehr die Frage drängend, wie es gelingen kann, möglichst viele Familien bei einer medienerzieherisch durchdachten Gestaltung des Medienalltags zu unterstützen.

MODERATOR: Haben Sie zum Schluss der Sendung noch einen Rat an (werdende) computerspielende Eltern?

TIEDEMANN: Meines Erachtens ist das eigene Vorbild entscheidend. Ich selbst hatte neben dem Gaming auch regelmäßig Ju-Jutsu betrieben – das würde auch die sportlichen Ambitionen meines Sohnes erklären.

KAMMERL: Sehe ich auch so. Als Elternteil muss einem klar sein, dass Kinder noch nicht in der Lage sind, selbst Inhalt und Umfang des Gaming vernünftig zu steuern. Bei den Kleineren müssen das zunächst die Eltern übernehmen. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle muss über die Jahre hinweg aufgebaut werden, zum Beispiel über Zeitkontingente und einer vorselektierten Spielauswahl, die dann schrittweise erweitert werden können. Zudem hat sich der Kinder-Softwaremarkt in den letzten Jahren stark entwickelt. Um mich über gute und altersgerechte Spiele zu informieren, schaue ich bei den verschiedenen Preisen oder Infoportalen — wie zum Beispiel spielbar.de — nach, gucke meinen Kindern regelmäßig bei Gaming zu oder spiele auch hin und wieder mit.

Ich möchte abschließend darauf hinweisen, dass Elternschaft bedeutet, mehr Verantwortung zu übernehmen und im Normalfall dazu führt, dass ich mich weniger meinen Spielen widme, damit ich mehr Freizeit für meine Familie nutzen kann. Wenn mir dies wegen meiner Gamingleidenschaft nur eingeschränkt gelingt, habe ich ein ernsthaftes Problem und sollte mir professionelle Hilfe holen. Infos gibt es etwa bei www.ins-netz-gehen.de/info-materialien.

MODERATOR: Professor Kammerl, Herr Tiedemann, herzlichen Dank, dass Sie bei uns waren. Liebe Zuschauer, das war es für heute. Bis zum nächsten Mal!

Abspann: Alle Personen sind frei erfunden, mit Ausnahme von Professor Rudolf Kammerl und Frank Tiedemann. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären allerdings nicht ganz zufällig, da die geschilderten Handlungen auf wahren Begebenheiten basieren.

Copyright © 2013 Ave Mario™ Studios

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