Das heutige Thema meiner Spielejournalist-Reihe ist sicherlich kein bequemes, aber es ist ein notwendiges. Umso mehr, da ich in letzter Zeit zahlreiche Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen rund um das Leben in der Selbstständigkeit geführt und dabei festgestellt habe, dass uns “Freie” fast alle eins eint: Wir haben Angst. Viel zu viel Angst.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Ganz klar: Selbstständig zu sein, das ist durchaus ein Privileg und es hat so einige Vorteile. Die man sich aber stets bewusst machen muss. Doch darum soll es hier und jetzt nicht gehen; den schönen Seiten des Freelancertums werde ich mich in einem zukünftigen Blog-Eintrag ausführlich widmen.

Wir haben alle Angst 

Zurück zur Angst, die vor allem diejenigen umtreibt, die die riskante Karriere eines Spielejournalisten eingeschlagen haben. Da muss man sich nicht mal die aktuellen IVW Zahlen der Fachmagazine ansehen, um zu wissen, dass es sicherlich krisenfestere Jobs gibt. Doch auch andere Freelancer wie Grafiker, Übersetzer oder Lektoren sind mit dem System der Angst bestens vertraut. Und nicht nur Selbstständige kennen die alltägliche Angst, beruflich plötzlich vor dem Nichts zu stehen. In Zeiten, in denen kleine wie große Unternehmen ohne Rücksicht auf (Menschen-)Verluste einsparen, wegrationalisieren und aussortieren, um ihre Gewinne bis zum letzten Cent zu maximieren, kann sich niemand mehr sicher sein, dass er seine aktuelle Tätigkeit bis zur aller Voraussicht nach kärglichen Rente ausüben wird.

Zudem erleben gerade Spieleindustrie und Medienbranche ein ständiges Auf und Ab, wobei es gerade die Games-affine Presselandschaft so schwer hat wie selten zuvor. Ich muss jetzt keine Beispiele aufzählen; der Friedhof der Spielemagazine wird leider immer voller.

angst

Quelle: tokamuwi / pixelio.de

Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass unsere sogenannte soziale Marktwirtschaft zu großen Teilen auf einem Angstprinzip basiert. Das Credo lautet: Funktioniere und trage deinen Teil bei, sonst bekommst du keine Anerkennung, sonst bist du ein Versager. “Hartzen” ist seit Jahren ein ganz normales Wort im jugendlichen Sprachschatz, das sollte uns doch eigentlich zu denken geben. Apropos: Schuldgefühle und Versagensängste werden nicht selten als eine Art “Schmiermittel” benutzt, um das Rad am Laufen zu halten. Selbst Konsum ist schon fast eine obligatorische gesellschaftliche Pflicht.

Aber wehe, man wagt es mal, am vorherrschenden System sanfte Kritik zu üben. Oder über ein bedingungsloses Grundeinkommen zu philosophieren, über eine Arbeitswelt und eine Gesellschaft, die nicht ausschließlich von Leistungsdenken geprägt ist. Das tun nach dem “gesunden Volksempfinden” aber ohnehin nur linke, undankbare Spinner; die sollten am besten nach Griechenland auswandern. Oder nach Russland. Hey, wir leben in einem Land, das für seine Menschen sorgt, wir haben hier ein gutes Leben. Und hier gibt es, Wachstum, Leute, Wachstum! Aber wer profitiert von diesem Wachstum? Der einfache Arbeitnehmer, der immer mehr Einschränkungen durch befristete Stellen, unbezahlte Überstunden und sinkende Reallöhne hinnehmen muss? Der Freelancer, dessen Leistungen heute in den seltensten Fällen angemessen bezahlt werden und der leicht von einem Tag auf den anderen “entsorgt” werden kann?

Fundierte Systemkritik überlasse ich lieber anderen, die sich damit besser auskennen. Überhaupt, was beklage ich mich überhaupt, ich befinde mich schließlich in der glücklichen Lage, eine erfolgreiche Agentur zu betreiben. Womit sich der Kreis schließt: Denn auch ich habe manchmal Angst, dass es nicht immer so sein wird. Und ich habe selbst schon Zeiten erlebt, in denen ich mir durchaus Gedanken machen musste, ob das mit dem Journalismus, mit meinem in jungen Jahren gefassten “Irgendwas mit Medien machen”-Berufswunsch generell so eine gute Idee war.

Mittlerweile, nach bald 13 Jahren als Unternehmer, habe ich gelernt, mit der Angst umzugehen. Okay, das war gelogen. Besser gesagt: Ich lerne täglich hinzu. Es ist mir schlichtweg ein Anliegen, darüber zu schreiben, und ich hoffe, dass ich dem einen oder anderen — ob selbstständig oder nicht — ein paar Denkanstöße mit auf den Weg geben kann.

Die Folgen der Angst für den Freelancer

Wovor man als Selbstständiger (und als Angestellter) so alles Angst hat, das beschreibt dieser Text ganz gut. Darüber hinaus gibt es natürlich noch tausend andere Gründe. Die größte Angst des Freelancers ist es aber, nicht genügend Arbeit zu haben. Logisch — wer als Selbstständiger Erfolg haben will, der braucht Kunden und Aufträge, damit sein Geschäft läuft, damit er sich sein Leben leisten kann.

Neulich postete ein geschätzter Kollege auf Facebook: “Mordsstress zurzeit — und froh darüber! Ich will nie mehr so ein beschissenes Jahr wie 2013 erleben. Lieber frag ich mich ‘Wie schaff ich das alles?’ als ‘Wo soll das alles enden?'”

Die Frage ist nur, was der Freelancer aus Angst vor Unterbeschäftigung bereit ist, in Kauf zu nehmen. Wenn ich höre, dass manche freie Mitarbeiter ihre Auftraggeber als “Vorgesetzte” bezeichnen, obwohl sie ganz sicher keine Vorgesetzten haben, denn sonst wären sie ja angestellt, dann bereitet mir das ernsthaft Kopfschmerzen. Oder ein Journalisten-Kollege erzählt mir, dass er seit zehn Jahren (!) keinen Urlaub gemacht — aus Angst, ihm würden zu viele Aufträge durch die Lappen gehen oder die Kunden würden sich von ihm abwenden. Selbst eine Zahlungsmoral jenseits von Gut und Böse wird oft resigniert hingenommen: “Das ist eben so als Selbstständiger.”

Und da werden Bedingungen akzeptiert, die geradezu nach Magengeschwür, Burnout, Depression und all den anderen Krankheiten des 21. Jahrhunderts schreien. Etwa, wenn ein Kunde am Freitagabend um 19 Uhr auf dem Freelancer-Smartphone anruft und sagt, er bräuchte diesen oder jenen 10.000-Zeichen-Text unbedingt am Montag früh um 8 Uhr, woraufhin der Angst-geplagte “Freie” nicht mal nachfragt, ob das denn nicht auch ein, zwei Tage später reichen würde, stattdessen sämtliche Freizeittermine absagt und sein Wochenende mal wieder gestresst vor dem Monitor verbringt. Von den mickrigen Honoraren, die viele freie Autoren anscheinend achselzuckend in Kauf nehmen, möchte ich gar nicht erst anfangen. Es soll sogar tatsächlich Leute geben, die umsonst schreiben — in der Hoffnung, dass sie irgendwann doch mal Geld für ihre geleistete Arbeit bekommen. (Kleiner Gedankeneinschub: Das ist allerdings auch so ein narzisstisches Journalisten-Ding — wir Buchstabenverdreher sehen unsere Namen oder unser Foto einfach gerne in Zeitschriften oder im Netz oder halten unsere Meinung für das Maß aller Dinge. Gell, Herr Matussek? Hallo Herr Martenstein!)

Quelle: Kai Stachowiak / pixelio.de

Quelle: Kai Stachowiak / pixelio.de

Aber mal ehrlich: Haben wir Freelancer zum Großteil nicht auch selbst Mitschuld an unserer Misere? Ich kenne so viele freie Autoren, doch die meisten sitzen allein in ihrem stillen Kämmerlein und kochen ihr eigenes Süppchen. Warum sind wir nicht in der Lage, eine eigene Lobby und Interessenvertretung aufzubauen? Wieso tun wir uns nicht zusammen und treten gemeinsam für “Mindestlöhne” und Arbeitszeitregelungen für freie Mitarbeiter ein? So bleiben wir letztendlich verletzliche Einzelkämpfer, die wie “Freiwild” durch den Arbeitsmarkt gejagt werden. Nicht zu vergessen die Problematik, dass sich Freelancer immer wieder gegenseitig in den Rücken fallen, Jobs zu unhaltbaren Bedingungen annehmen – und dadurch Preise und Arbeitsbedingungen für alle kaputtmachen. Meine Erfahrung ist leider die: Es gibt immer jemanden, der es noch billiger macht. Und warum? Aus Angst natürlich. Sich zu Dingen bereit zu erklären, die man eigentlich gar nicht machen möchte, sich auf ungesunde Art und Weise für den Beruf zu verbiegen, das ist leider schon längst Alltag im Freelancer-Business.

Da frage ich mich, welches Selbstbild man sich da auferlegt. Etwa das eines modernen Computer-Sklaven, der alles tut, damit der Kunde glücklich ist? Es scheint so.

Nur, damit hier kein Missverständnis aufkommt: Dass ein Selbstständiger wesentlich flexibler als ein Festangestellter ist und gerade deswegen oft bei Last-Minute-Jobs und knappen Deadlines konsultiert wird, ist klar und auch völlig in Ordnung. Auch ich arbeite des Öfteren am Wochenende (allerdings sind dann eher so Dinge wie Buchhaltung oder Webseiten-Pflege dran) oder wundere mich manchmal, wieso ich telefonisch niemanden erreiche — um überrascht festzustellen, dass dies vermutlich an dem gesetzlichen Feiertag liegt, den ich mal wieder nicht mitbekommen habe. Und dass man als Selbstständiger seinen Kunden gegenüber loyal sein sollte, versteht sich von selbst; sie sind es schließlich, die uns die Butter auf dem Brot ermöglichen.

Doch muss man aus Existenzängsten alles mitmachen? Diese Frage muss jede(r) Freelancer/-in letztendlich für sich selbst beantworten. Spätestens, wenn der Burnout droht, die Ohren rauschen oder nachts nicht mehr an Schlaf zu denken ist, dann sollte man sich jedoch überlegen, woran das liegt. Es ist nicht der Job, der daran schuld ist. Und es sind auch nicht die Kunden. Es ist das System der Angst. Und manchmal ist es auch der Freelancer selbst, der verlernt hat, sich abzugrenzen.

Nein sagen” — das ist unumgänglich, wenn die Konditionen nicht stimmen, seien sie finanzieller oder zeitlicher Natur. Schon allein aus Respekt vor sich selbst und seiner Gesundheit. Auch ein Selbstständiger hat das Recht auf Wochenenden, freie Tage und Urlaub, er muss sich seine Auszeiten nur nehmen. Was im Übrigen oft eine logistische Meisterleistung erfordert: Jede Menge Stress vor dem Urlaub, damit alles rechtzeitig erledigt ist — und noch mehr Stress nach dem Urlaub, da man ja alles Liegengebliebene aufarbeiten muss.

Wir sitzen alle in einem Boot 

Wichtig finde ich, dass Freelancer und Kunde professionell und respektvoll miteinander umgehen, gegenseitige “Neins” akzeptieren, diese nicht persönlich nehmen. Und dass der Freischaffende aus lauter Angst nicht sich selbst aufgibt. Lässt er sich körperlich, geistig und finanziell ausbeuten (und ist er auch selbst daran schuld), bleiben Spaß, Leistungsvermögen, Gesundheit und Zufriedenheit auf der Strecke. Und damit ist niemandem gedient: Die Qualität der gelieferten Arbeit leidet stark, die Kreativität geht verloren. Es kann nicht im Interesse der Auftraggeber sein, dass sie ihre besten, loyalsten Mitarbeiter zermürben.

Let’s come together.

Es ist doch so: Wir sitzen alle im selben Boot, also lasst uns das Beste draus machen. Ein kleines bisschen Menschlichkeit und gegenseitige Fürsorge hat noch niemandem geschadet, auch nicht im oft stressigen Arbeitsalltag. Wir Freelancer sollten endlich als Kollektiv auftreten, gemeinsam für unsere Interessen einstehen, anstatt uns gegenseitig das Wasser abzugraben. Nur so ist generell eine Veränderung der Arbeitsbedingungen und eine Veränderung im Bewusstsein der Auftraggeber für den Wert der Freelancer möglich. Mit meinem Agentur-Netzwerk habe ich diese Idee von Anfang an verfolgt – und ich bin froh, damals diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Lasst uns bewusst und fair zusammenarbeiten. Lasst uns einfach weniger Angst haben.

Facebooktwittergoogle_pluspinterestmail