Spiele im SPIEGEL

Hört, hört: Der SPIEGEL vom 13. Januar 2014 hat eine Titelstory über Videospiele. Nicht nur eine GTA-Rezension oder eine Mini-Besprechung im KulturSPIEGEL (der Beilage für Abonnenten). Nein, eine richtige, große, teils aufwendig bebilderte Cover-Geschichte. “Spielen macht klug – Warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf” prangt da auf der Titelseite; eine junge Frau tätschelt beglückt ihr iPhone, spielt vermutlich gerade eine Runde Candy Crush, von dem im Fließtext des Öfteren die Rede ist. 

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Die Freude, dass unser viel und oft und viel zu oft zu unrecht gescholtenes Lieblingsmedium endlich mal wieder Streicheleinheiten erhält, könnte einem ob dieser BILD-tauglichen Headline schnell vergehen. Kommt da jetzt etwa die alte “Games machen schlau und sind ja gar nicht schlimm!”-Leier, wie beispielsweise in diesem SPON-Text aus dem Jahr 2004 (der vor zehn Jahren sicherlich wichtig und richtig war, um die öffentliche Wahrnehmung gegenüber digitalen Spielen zu schärfen und sie ein wenig in ein positiveres Licht zu rücken)? Ja, zumindest teilweise. Die Rechtfertigungsschiene, auf der dieser Artikel rollt, nervt schon — genauso wie die plötzliche Erkenntnis der SPIEGEL-Redakteure, dass das Spielen von Videogames ja auf einmal doch gar nicht verwerflich ist (sagt die Forschung!).

Quelle: Der Spiegel

Trotzdem sollte man sich nicht zu sehr von den reißerischen Cover-Lettern verunsichern lassen: Der Artikel ist gar nicht übel — und in jedem Fall ist er sehr viel besser, als es die Headline “Spielen macht klug” befürchten lässt.

Zwar kratzt er bei vielen Themen nur an der Oberfläche, reitet auf Sachen wie “Die Gamesindustrie ist so groß wie Hollywood” herum und spult hier viel Standardkram ab (David Cage wird etwa als leuchtendes Spieleregisseur-Vorbild propagiert, obendrein berichtet man vom Glamour” eines Events wie der Beyond-Premiere in Paris — dabei gibt es sündhaft teure Mega-Events mit großen Stars in der Spieleindustrie schon seit vielen Jahren. Lara Croft hat es bis auf die Kinoleinwand geschafft, die Games-Umsätze sind massiv, die Welt spielt, blablubb.). Der Education-und Gamification-Aspekt wird ständig betont, ebenso wie “normal” es ist, dass junge Menschen Videospiele spielen.

Kein Wort davon, dass digitale Spiele auch einfach — ja, so ist es — Spaß machen, unterhalten und entspannen können. Dass sie Geschichten erzählen, uns berühren und aufwühlen. Man versäumt es leider komplett zu erwähnen (oder hat einfach zu wenig Spiele wie The Last of Us, BioShock: Infinite, Half-Life, Shadow of the Colossus, Gone Home, Papers, Please et cetera gespielt), dass wir hier von einem enorm wichtigen Kulturbestandteil reden, von einem Medium mit unglaublichen narrativen Möglichkeiten, von großen Geschichten und Gefühlen, von Eskapismus, von schier unendlichen kreativen Möglichkeiten – sowohl für die Entwickler als auch die Spieler. Eben vom wichtigsten Unterhaltungsmedium des 21. Jahrhunderts.

Quelle: Der Spiegel

Aber immerhin: Positiv finde ich, dass die Spiegel-Redakteure wirklich glaubhaft vermitteln, warum Computerspiele etwas Gutes sein können. Als “Pro Games”-Beispiele werden speziell für kranke Kinder entwickelte Spiele oder Lernspiele für die Schule genannt (wobei mir das jetzt schon wieder etwas zu sehr nach Rechtfertigungsrhetorik klingt). Schön auch: Man geht mit den Deutschen, die immer ganz schnell nach den bösen “Killerspielen” schreien, wenn mal wieder ein schrecklicher Amoklauf passiert ist, angenehm hart ins Gericht (“der problembeladene deutsche Blick auf Computerspiele”) und erklärt dem Laien einige wichtige Industrie-Aspekte (Free2Play, Online-Gaming und E-Sport, Einfluss der Spielebranche auf die Wirtschaft usw.).

Quelle: Der Spiegel

Insgesamt erfahren Nicht-Gamer wirklich viel über die Spielebranche und über Menschen, die darin arbeiten, bekommen zudem fundiert recherchierte Zahlen und recht brauchbare Zusatzinfos geliefert. Wer allerdings ein wenig in der Materie drinsteckt, dürfte hier absolut nichts Neues erfahren. Insgesamt also bei weitem nicht so schlimm wie befürchtet und sicherlich eine gute Sache für nichtwissende Eltern, Großeltern und Pädagogen. Aber eben auch lange nicht so weitsichtig und tiefgründig, wie es dieses Medium schon lange verdient hat. Was der Online-Bruder Spiegel Online zum Glück ja schon längst verstanden hat. Oder auch die Zeit, um nur einige löbliche Beispiele zu nennen.

Letztendlich liest sich das alles prima und gut gemeint, steckt aber in einer Zeit fest, die eigentlich längst vorbei ist. Der SPIEGEL hat da meines Erachtens eine große Chance vertan, die Faszination des Mediums zu erklären, den kulturellen Aspekt zu verdeutlichen — eben einfach dem SPIEGEL-Leser klar zu machen, dass wir im Jahr 2014 schon lange keine Rechtfertigung mehr brauchen, um Computer- und Videospiele toll zu finden.

Als Fazit leihe ich mir die auf Facebook gefundenen Worte des Kulturwissenschaftlers Christian Huberts:

“Der “Spielen macht klug”-SPIEGEL-Text ist OK, fragwürdig kontextualisiert und mit missverstehendem Nutzwert-Fokus. 65% Lesespaß!”

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11 Kommentare

  1. Arno: Da gebe ich dir Recht — mir ist ein solcher Artikel natürlich auch sehr viel lieber als die schon so oft geschriebenen “Killerspiele”-Artikel und Pfeiffer-Hasstiraden. Ich schrieb in meinem Blog-Eintrag ja auch ganz deutlich, dass ich ihm einiges Gutes abgewinnen kann und ihn insgesamt gar nicht schlecht finde.

    Dennoch finde ich, dass das, was Computerspiele vor allem ausmacht, im SPIEGEL-Text einfach komplett untergeht: der Spaß daran, die Faszination, die das Medium in Millionen Menschen täglich auslöst — die Tatsche, dass wir hier von einem wichtigen Stück Popkultur reden.

    Und auch wenn ich als “Berufsspieler” inhaltlich logischerweise viel näher am Thema dran bin, würde ich mich trotzdem freuen, wenn das Medium im SPIEGEL nicht nur aus einer Rechtfertigungsposition heraus betrachtet werden würde. Es ist ja schließlich Aufgabe des Magazins, seine Leser zu “erziehen” — und auch, ihnen Inhalte zuzutrauen, die über reine Nutzwert-Geschichten hinausgehen.

    Ich kann aber durchaus verstehen, warum sich viele über den SPIEGEL-Artikel gefreut haben und einfach nur froh sind, endlich mal keinen Verriss zu lesen. Ich habe da vermutlich einfach eine wesentlich radikalere Sichtweise. Mal sehen, wie es in fünf bis zehn Jahren aussieht — dann sind wir hoffentlich da, wo ich jetzt schon gerne wäre. Ich werde versuchen, meinen Teil dazu beizutragen 😉

    • Ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, in der alles über seinen Preis und seinen praktischen Nutzen bewertet wird (was m.E. schlecht ist, da es einen ganz erheblichen Teil der Wirklichkeit ausblendet, aber sei‘s drum). Daher ist eine Titelgeschichte über Computerspiele in einem Mainstream-Medium wie dem Spiegel mehr als nur die vordergründige Rechtfertigung via dessen Nutzen. Indem Spiele als nützlich betrachtet werden, erfolgt nicht einfach eine Rechtfertigung ihrer Existenz, sondern das betreffende Medium erhält quasi höhere Weihen. Es wird aus seiner gefährlichen, dunklen Schmuddelecke geholt und regelrecht geadelt. Nun darf jeder spielen (auch aus der Mitte der Gesellschaft, ja selbst Intellektuelle), ohne sich elend schlecht zu fühlen, weil man sich an unnützen Handlungen delektiert. Das macht die eigentliche Bedeutung des Artikels aus. Und die ganze Gefährlichkeit, die einst Spiele auszuzeichnen schien, löst sich magischerweise in Luft auf.

      Jetzt fehlt in einigen Wochen nur noch der Focus, der in seiner Titelgeschichte feststellt, daß Actionspiele die Auge – Hand – Koordination von Chirurgen optimieren, das räumliche Orientierungsvermögen von Taxifahrern schulen und Rechtsanwälten eine schwungvollere Handschrift verleihen (Adressen im neuen Sonderheft: Die 100 besten Serious Games-Berufe Deutschlands!).

  2. “Der SPIEGEL hat da meines Erachtens eine große Chance vertan, die Faszination des Mediums zu erklären, den kulturellen Aspekt zu verdeutlichen — eben einfach dem SPIEGEL-Leser klar zu machen, dass wir im Jahr 2014 schon lange keine Rechtfertigung mehr brauchen, um Computer- und Videospiele toll zu finden.” – eher im Gegenteil. Denn wer beruflich mit Spielen zu tun hat und/oder passionierter Gamer ist, urteilt allzu schnell als Insider und verkennt, daß es auch eine Außenperspektive gibt. Und das ist weitgehend die Perspektive der Printleser. Insofern ist so ein Artikel wie der vorliegende allemal besser als das, was uns sonst Printmedien gewohnheitsmäßig vorsetzen. Da mag ich doch lieber ein paar Nettigkeiten aus dem Leben der digitalen Glücksucherin McGonigal als das Endzeitgesumse-aufgrund-von-Gewaltspielen eines Herrn Pfeiffer.

    • Und die Sicht der Printleser soll jetzt der Grund sein, warum der Spiegel nicht mitteilen kann, dass man sich für das Spielen aus Spaß nicht rechtfertigen muss? Oder soll das jetzt heißen, dass man das sehr wohl muss weil Computerspiele.. Ja, was eigentlich sind?

      Der Autor möchte das folgende sagen: Fernsehen aus Spaß ist akzeptiert, Computerspiele aus Spaß offensichtlich immer noch nicht. Warum hier differenziert wird ist unklar.

  3. Begeisterung für eine Sache in allen Ehren, aber wie kommt man eigentlich zu der Idee, dass Computerspiele das wichtigste Unterhaltungsmedium des 21. Jahrhunderts seien?

    Mal abgesehen davon, das von denn 100 Jahren des 21. Jahrhunderts gerade einmal 13 vorrüber sind, also niemand wissen kann, ob nicht in 20 oder 40 Jahren ein “wichtigeres” Unterhaltungsmedium entsteht: In meinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis gibt es kaum einen, der täglich Computerspiele spielt. Aber nahezu jeder schaut täglich Filme, Serien, Dokus, Reportagen, Dokus, Serien, Videos auf Youtube usw. usf.

    Also: Was qualifiziert ein (Unterhaltungs)Medium zum wichtigsten seiner Zeit?

    • Die Antwort ist so simpel wie wahrscheinlich wenig zufriedenstellend: Das ist meine private, persönliche Meinung, genau wie das gesamte Blog.

    • Ich habe auch noch eine Antwort:
      Ihre Bekannten schauen alle (Internet)-Fernsehen, weil der Fernseher das wichtigste Unterhaltungsmedium der 20. Jahrhunderts war.

      Schauen Sie sich um, jeder spielt. Immer weniger Menschen sind mit reiner passiven Unterhaltung zufrieden. Besonders wenn die Qualität dabei immer weiter sinkt. Statistiken können sie sicher selber googlen.

      Oder fragen Sie Ihre Bekannten, ob sie schon Fokus über die heutigen Anteile von fernsehen und Computerspielen gesehen haben. ^^

      • Der Fernseher war vielleicht das wichtigste Unterhaltungsmedium (der zweiten Hälfte) des 20. Jahrhunderts, und er ist es noch. Ich weiß nicht, in welcher Parallelwelt Sie leben? (Was meinen eigentlich Sie mit “Fokus”? Link?)

        Eine der renommiertesten Untersuchungen in Bereich der Mediennutzung ist bswp. die ARD-ZDF-Onlinestudie. (Eine andere ist die Langzeitstudie Massenkommunikation, die ausschnittsweise über “Media Perspektiven” verfügbar ist.)

        http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=398
        http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/01-2011_Eimeren_Ridder.pdf

        Diese weist u.a. als tägliche Nutzung für Fernsehen 242 Minuten aus, für Internet 108 Minuten. Probleme der Untersuchung sind natürlich, dass “Internet” alles mögliche bedeuten kann, sowohl private / geschäftliche Nutzung oder auch “Blog lesen” oder “Videos schauen”. Auch ist bei den jüngeren Nutzern das Verhältnis umgedreht. (Hier ließe sich drüber streiten, ob diese Nutzer, wenn sie älter werden, auch ihr Nutzungsverhalten ändern.) Dennoch ist die Tendenz klar: TV ist NACH WIE VOR das wichtigste (Unterhaltungs-)Medium.

        Wie es in 20 oder 30 Jahren sein wird, kann natürlich keiner sagen. Ich wage aber die These, dass TV (in welcher Form auch immer) auch dann noch das wichtigste Medium sein wird. Vom Segen der sog. interaktiven Medien wird seit vielleicht 20 Jahren immer wieder gesprochen. Trotzdem sind die meisten Leute bislang (überwiegend auch) mit passiver Unterhaltung zufrieden. (Meine These: Der Mensch tendiert zur Faulheit. 🙂

        Auch der gefühlte “kulturelle Impact” von Filmen oder Serien ist doch wesentlich größer: “Alle Welt redet” bspw. über “Breaking Bad” oder den “Hobbit” statt über “Halo 4” oder “Fifa 14”.

        Insofern: Computerspiele sind (laut den mir bekannten Untersuchungen) weit davon entfernt, das (derzeit) “wichtigste Unterhaltungsmedium” zu sein…

      • Mir fiel gerade noch ein weiteres Argument ein, warum Film/TV auch in nächster Zukunft noch “beliebter” sein wird als Computerspiele (oder andere andere Unterhaltungsmedien): weil die soziale Komponente größer ist. Fernsehen kann man ZUSAMMEN schauen, in der Familie, mit Freunden usw. Computerspiele sind da eher, wie Bücher, ein Single-Rezeptions-Medium. (Jaja, ich weiß, Shooter usw. spielt man aufm Server; ist aber was anderes als mit der Freundin oder den Kindern was zu machen.)

        Insgesamt würde ich sagen:

        – TV ist deutlich preiswerter
        Sowohl was Gerätekosten anbelangt als auch Rundfunkbeiträge vs. Kosten für neue Games. Für 30 Euro Rundfunk-/Kabelgebühr kann ich sozusagen einen ganzen Monat lang TV gucken; von einem Spiel für 30 Euro habe ich nur ein paar Stunden was (ich spiele Spiele eigentlich immer nur einmal durch).

        – TV ist (auch) ein Nebenbei-Medium
        Beim Fernsehschauen kann ich lesen, mich unterhalten, Chips knabbern, bügeln, aufräumen usw. Ein Computerspiel verlangt komplette Aufmerksamkeit.

        – TV ist passiver
        Wie geschrieben: Die meisten Menschen sind überwiegend zufrieden mit eher passiver, nicht-interaktiver Unterhaltung (also Radio, Musik hören, Konzerte, TV, Kino usw.). Für die meisten bedeutet Feierabend eben sich auf der Couch zurückzulehnen

        – TV ermöglicht Gruppenrezeption
        Wie oben geschrieben: Klar kann ich Spiele auch im Netzwerk spielen. Oder drei Leute schauen dem Kumpel dabei zu, wie er mit dem Elektrolasso Gegner zerteilt (Bulletstorm). Das macht aber nur begrenzt Spaß in der Gruppe. TV hingegen ist das Lagerfeuer, um das herum sich der moderne Mensch mit seiner Sippe schart.

        Wie auch immer…

        (Ach ja: Ich selbst hab im übrigen keinen Fernsehen… aber Fernsehen gibt’s ja auch im Internet…)

    • Vielen Dank für die interessanten Kommentare und Statistiken! Schön, dass meine Äußerung, Computerspiele seien das wichtigste Unterhaltungsmedium des 21. Jahrhunderts, zu solch konstruktiven Beiträgen geführt hat 🙂

  4. Danke für diesen Text. Jetzt müsste nur noch jemand dieses gebastelte Game des Spiegels ähnlich ausführlich einmal durchanalysieren bitte. Ich flattre das auch, falls es Flattr noch gibt

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