Um den Beruf “Spielejournalist” ranken sich mitunter die wildesten Mythen. Wie manche Menschen reagieren, die mit dieser Art des Broterwerbs nichts anfangen können (“Das ist doch kein Beruf!”), habe ich in diesem Blog bereits beschrieben. Andersherum gibt es (sehr) viele, die meinen, es handle sich hier um den den absoluten Knallerjob, um den Sechser im Arbeitsmarktlotto: “Wie geil! Immer nur die neuesten Games zocken!!!1″ Beide Ansichten sind falsch — und beinhalten dennoch einige Teilwahrheiten.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Journalismus ist immer Arbeit 

Als Spielejournalist zu arbeiten, das heißt in allererster Linie: zu arbeiten. Und zwar in einem Beruf, der wirklich einer ist. Von wegen nur zocken und abhängen. Der Alltag wird bestimmt von DeadlinesEventsStressWobei das eine das andere jedoch nicht ausschließt. Ja, man hat täglich in irgendeiner Form mit Video- und Computerspielen zu tun. Und ja, ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viel gespielt, getestet, rezensiert, ge-previewt. Ich kann wirklich nicht sagen, mit wie vielen Games auf den unterschiedlichsten Plattformen ich bislang zu tun hatte. 3000? 5000? 10.000? Gefühlt sind es mindestens so viele.

Doch viel mehr Zeit noch habe ich mit Schreiben, Recherchieren, Korrigieren und Telefonieren verbracht, mit dem Aufzeichnen von Spiele-Screenshots und -Videos, mit exotischen Controllernfehlerhaften Vorab-Versionen, Technikpannen, stundenlangem Installieren irgendwelcher Daten. Mit dem Warten auf Kurierdienste, mit defekten Testmustern, verbuggten Alphacodes, seitenweise NDAs oder nicht funktionierenden Dongles. Mit Reisen, Flughäfen, Taxis, Hotels.

Und dann doch immer wieder: Spiele. Nicht wenige waren solche, die ich mir freiwillig niemals angetan hätte. Gurken wie Enter the Matrix und The Walking Dead: Survival Instinct

Tests von Enttäuschungen wie "The Walking Dead: Survival Instinct" sind harte Arbeit. Okay, Arbeit.

Tests von Enttäuschungen wie “The Walking Dead: Survival Instinct” sind harte Arbeit. Okay, Arbeit.

Vieles davon hat mir verdammt viel Spaß gemacht, einiges war ziemlich nervig — und dennoch bin ich mir immer bewusst, dass es ein Privileg ist, dass ich genau diesen Beruf ausüben darf. Von Langweile ist er so weit entfernt wie ein Pinguin vom Nordpol.

Mit Grauen denke ich allerdings an die ganzen dunklen Stunden meines Spielejournalisten-Daseins zurück — etwa dieser Moment, als mir die schweineteure Capture-Karte abrauchte und ich von einem wichtigen PS2-Spiel (ich glaube, es war der Test von Gran Turismo 4 ) keine eigenen Bilder anfertigen konnte. Aber auch das gehört dazu. 

Spielen und Schreiben

Meine Agentur ist über die Jahre erfreulicherweise gewachsen, sodass ich nicht mehr unter akutem Schreibzwang leide, nicht jeden Tag meterweise Seiten raushauen muss. Dadurch sehe ich zwar einerseits viel weniger Spiele als früher, genieße dafür den Luxus, mir oft die Artikel-Sahnestückchen rauspicken zu können und darüber zu schreiben, was mich wirklich interessiert. 

Doch um noch mal auf die Teilwahrheit “Der spielt den ganzen Tag nur” zurückzukommen: Diese ganz intensiven Zock-und Schreibzeiten im Job gab es natürlich, vor allem damals zur Gründung meiner Agentur. Das war harte Arbeit direkt an der Basis; genau da, wo es weh tut.  Aber sie hat mein Verständnis für dieses Medium und seine Vielfältigkeit geprägt.

Ich erinnere mich mit einer Mischung aus Stolz und Abscheu an eine frühe GamePro-Ausgabe, für die ich rund 40 Print-Seiten im Alleingang verfasste und dabei an die zehn verschiedene Spiele testete, zu jedem Spiel eigene Screenshots aufnahm, seitenweise Extrakästen schrieb, mir die Finger wundschrieb. Da war sogar eine Komplettlösung zu Stunman dabei, falls das noch jemand kennt. War von den Driver-Machern Reflections, sauschwer, und dann auch noch eine Schritt-für-Schritt-Lösung mit etlichen Bildern. Schüttel. Ich habe fast zwei Wochen am Stück nie mehr als drei, vier Stunden Schlaf gehabt. Ganz zu schweigen von meinen exzessiven Erlebnissen bei der fun generation, aber das soll heute nicht das Thema sein.

(Aufmerksame Leser haben es sicherlich gemerkt: Diese eindringliche Beschreibung früherer Zeiten ist auch nur der plumpe Versuch, meine eigene Mythenbildung voranzutreiben.)

So sehr ich es damals auch liebte, echten Spielejournalismus-Rock’n’Roll zu leben — es ist gesünder, dass diese Extremzeiten vorbei sind. Mit Frau und Kindern ist das auch wenig erstrebenswert. 

Der Mythos vom Mythos

Doch worauf will ich eigentlich hinaus? Ich wünsche mir wahrscheinlich manchmal einfach nur, dass der Beruf Spielejournalist ein wenig entmythisiert wird. Damit meine ich nicht, dass man seinen persönlichen Redakteurs-Helden nicht mehr huldigen soll. Ohne die wäre ich selbst niemals in diesem Beruf gelandet — und ich muss mich heute noch manchmal selbst zwicken, wenn ich auf einmal im Job mit heroischen Übermenschen meiner Jugend zu tun habe. 

powerplay

Die kultigen “Power Play”-Konterfeis trugen einen nicht unwesentlichen Teil zur Mythenbildung des Beruf “Spielejournalist” bei. Das hier waren keine Menschen, sondern Superhelden, die schon vor 25 Jahren den coolsten Job der Welt ausübten. Wären sie nicht gewesen, stünde mit ziemlicher Sicherheit dieser Text nicht hier. Das Berufsbild hat sich seitdem weiterentwickelt, der Spielejournalismus ist wesentlich vielfältiger geworden. Internet, YouTube, Blogs, Podcasts, Online-Magazine, Let’s Plays — das lag zum Zeitpunkt dieser Fotos noch einige Jahre in der Ferne. (Quelle: kultpower.de)

Dennoch fände ich es erstrebenswert, wenn die Allgemeinheit beim Wort “Spielejournalist” künftig nicht erschrocken zusammenzuckt, sondern das Bild eines nicht ganz alltäglichen, aber dennoch soliden und obendrein spannenden Jobs vor Augen hat. Er ist eben nur nicht so greifbar wie andere Berufe. Der Bäcker backt Brötchen, der Spielejournalist generiert Inhalte. Heute in so vielfältiger Weise wie nie. 

Es gibt nicht den Spielejournalisten, genauso wenig wie es den einen einzig wahren Spielejournalismus gibt. Alles hat im Spielejournalismus seine Berechtigung, ob ich es nun gut finde oder nicht: Feinsinnige Kultur- und Zeitgeistbetrachtungen auf Zeit Online oder in der WASD, die etwas andere Carsten-Görig-Rezension auf Spiegel Online, der boulevadeske Stil von COMPUTER BILD SPIELE, der General-Interest-Ansatz von stern.de oder T-Online, die klassischen Print-Fachzeitschriften wie PC Games, GameStar oder M!-Games, anspruchsvolle Indie-Blogs wie Superlevel, Spielkultur-Kleinode wie VideoGameTourism oder Fachwebsites wie 4Players, Gameswelt und, ahem, Spieletipps

Let’s Play, GameOne, (R.I.P.) Pixelmacher (R.I.P) und all die vielen anderen spannenden Sachen da draußen, die sich mit “Games” befassen — das ist eine herrliche Vielfalt, die ich für absolut erstrebenswert halte. 

Je weniger man betonen muss, dass Spiele Kulturgut und Leitmedium sind, desto besser, denn dann sind Games längst ein nicht mehr wegzudenkender Teil unseres Lebens, unserer Gesellschaft und unserer Zeit. Und dann braucht es keinen Mythos, wenn die Rede auf Journalisten kommt, die vornehmlich über eines berichten: Spiele.

Aber vielleicht braucht der Mensch einfach seine Götter — Heinrich Lenhardt, Anatol Locker, Michael Hengst, Volker Weitz & Co. für die Ü35-Generation, Gronkh und Sarazar für die Kids.

Oder wie sich mein werter Kollege Olaf Bleich neulich auf der Facebook-Timeline von Roland Austinat, Ex-Redakteur PC Player, so schön erinnert hat: 

“Ihr habt damals einen Leserbrief von mir abgedruckt. Danach haben wir dann ein paar Mal gemailt. Getroffen haben wir uns erst, als ich 2000 bei Cheats&More angefangen hatte. Aber zumindest haben du und PC Player maßgeblich dafür gesorgt, dass ich heute über Games schreibe. Nicht umsonst stand in meiner Abi-Zeitung unter Berufswunsch: PC-Player-Redakteur.”

P.S.: Ich habe natürlich überhaupt nicht gegen Spieletipps. Ich wollte nur Joachim Hesse ein bisschen ärgern, weil der auch so ein Redakteurs-Mythos ist. 😉

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