Ein kleines bisschen Offline-Nostalgie

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn einfach jemand den Stecker ziehen würde. Wir wären wieder offline, wir alle. Stille. Das Leben wäre langsamer. Entschleunigung. Durchatmen. Runterfahren. Dem Rauschen des Windes lauschen.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Es wäre wieder mehr Raum für eigene Gedanken da. Wir würden nicht von einer News-Quelle zur nächsten hasten und alles aufsaugen, was die virtuellen Weiten für uns bereithalten. Wir bräuchten keinen Edward Snowden, denn wir würden nicht ausspioniert und überwacht werden. Und wir müssten uns nicht darüber aufregen, dass dieser katastrophale Umstand den meisten sowieso am Allerwertesten vorbei geht. Über so einige Dinge mehr müssten wir uns nicht echauffieren, weil wir gar nicht von ihrer Existenz wüssten – oder erst so viel später von ihnen erfahren würden, dass es uns dann wahrscheinlich egal wäre.

Wir müssten uns nicht mit Computerviren, Abzock-Websites, Forentrollen und Phishing-Mails herumschlagen; wir wüssten nicht mal, was Spam ist.

offline

Wir würden nicht ständig auf unser Smartphone schielen, E-Mails checken, twittern, auf Facebook posten, liken, kommentieren. Wir würden nicht stundenlang rumsurfen, recherchieren, whatsappen, skypen, Youtube-Videos glotzen, Netflix streamen, Geld auf Amazon und iTunes verprassen. Wir würden auch nicht bloggen.

Was haben wir eigentlich damals, in den Achtzigern und frühen Neunzigern, die ganze Zeit getrieben?

Mehr Sport, das in jedem Fall. Und gezockt. Miteinander, gegeneinander, nacheinander, aber immer an einer Konsole: “Super Mario Kart”, “Street Fighter II Turbo”, “Super Mario Bros.” auf dem Super Nintendo, das war schon Wahnsinn. Und funktionierte offline ganz großartig.

Supermariokart

Geteilter Bildschirm, doppelte Emotionen: Zwei Spieler im “Super Mario Kart”-Duell.

Oder die legendären “Doom”-Deathmatches via Nullmodem-Kabel – wenn denn unsere 386er so gnädig waren, sich miteinander zu verbinden. Was vielleicht in einem von zehn Fällen klappte. Aber egal: Wenn die Offline-Vernetzung erst mal stand, dann flogen die Fetzen.

Die Kommunikation fand früher auf einer ganz anderen Ebene statt; man sah sich vor allem viel öfter in die Augen. Bei “Doom” brüllten wir uns auch ziemlich oft an. Das gehörte einfach dazu. Emotionen waren viel sichtbarer als heute, wo man sich zwar gegenseitig mit Emoticons zuschüttet, man meist aber keine Ahnung hat, wie es dem anderen eigentlich wirklich geht.

Ob früher deshalb alles besser war? Schließlich kann man online viele tolle Sachen machen. Man hat täglich mit Menschen zu tun, tauscht Meinungen aus, diskutiert, gibt sich gegenseitig Tipps, schließt sich mit Gleichgesinnten zusammen. Man kann bequem shoppen, ganz ohne Stress. Sogar Liebende sollen auf verschlungenen Online-Pfaden schon zueinander gefunden haben.    

Ich weiß es nicht, und es spielt auch keine Rolle. Denn der Stecker dürfte niemals wieder gezogen werden. Wir sind online, wir alle. Mal sehen, was wir noch draus machen werden.

OK Computer.

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1 Kommentar

  1. Schöne Reflexion über ‘alte Zeiten’. Was besser oder schlechter war – ein weites Feld!
    Auch ohne die ganze Antwort zu kennen: Den Stecker sollten alle ruhig öfters ziehen.:-)

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