Der Spielejournalist – Teil 7: Der Event-Journalismus

Im fünften Teil meiner “Spielejournalist”-Reihe ging es um den Berufsalltag. Dieser ist eng mit Reisen und Events verknüpft. Neben den “Pflichtterminen”, den großen Spielemessen E3 und gamescom, stehen für den Spielejournalisten noch wesentlich mehr Veranstaltungen an. Denn, wie ich in meinem früheren Beitrag schrieb, verfrachten die Publisher Journalisten “gerne und oft ins Flugzeug und veranstalten Presse-Events vor Ort bei den Entwicklern.” Dann gilt es für den Schreiberling oft zu unmöglichen Zeiten aufzustehen und nach Montreal zu fliegen, weil Ubisoft Neues zu Assassin’s Creed zu vermelden hat. Oder Sony lädt nach Paris, um Beyond: Two Souls vorzustellen. Und lässt Tecmo Koei in Tokio einen fahren, marschiert garantiert die weltweite Presse an. Okay, das war dezent übertrieben.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Worauf ich hinaus will, sollte jedoch klar sein: Man muss teilweise absurde Distanzen überbrücken, um sich Spiele im Alpha- oder Beta-Stadium zeigen zu lassen. Das ist für Publisher wie Entwickler sicherlich die praktikabelste Art, ihre Produkte der internationalen Gamingpresse zu präsentieren. Birgt aber ein großes Problem: Dadurch, dass die Spielehersteller den Journalisten und ihren Verlagen in der Regel alles bezahlen — Flug, Hotel, Verpflegung, mitunter sogar Taxis, Wein und Gesang –, baut der Spielejournalist automatisch eine Beziehung zu dem Publisher auf. Und läuft Gefahr sich verpflichtet zu fühlen, ja nicht allzu kritisch über das Gesehene/Gespielte zu berichten. Ich bezeichne das als die “Event-Falle”.

PES2 Mediacup 2003 006

Legendär: Konamis “PES Media Cup” (hier ein Bild aus dem Jahr 2003 in Frankfurt) vereint Presse und Pressesprecher. Links im Bild Konamis PR-Chef Wolfgang Ebert, dahinter allerlei Spielejournalisten.

Per Du ist man in der Spieleindustrie ohnehin so gut wie mit jedem. Diese Beziehung zwischen Journalist und PR-Manager überschreitet oft aber die einer rein geschäftlichen. Liegt natürlich auch an der Sache an sich: Computerspiele sind nun mal ein Entertainment-Medium, also arbeiten in dieser Branche viele coole Leute, die locker drauf sind und gerne Spaß haben. Um mal die Klischees etwas zu bemühen. Doch dies kann und darf man kritisch sehen, wie es der spielejournalist.de-Leser “Chefkoch” tut:

“Und genau das ist der Haken an dieser ganzen “Spaßgesellschaft”. Ihr werdet hofiert, bekommt alles von der Industrie bezahlt, über die ihr kritisch berichten sollt. Es entsteht eine zu große Nähe, ja Kumpanei, die es zwischen Journalist und “Objekt” niemals geben darf. Damit macht ihr euch unglaubwürdig und abhängig. Wie viele der Games-Magazine würde es geben, wenn die Industrie nicht die ganzen Reisen bezahlen würde, damit ihr dann – alle gleichzeitig – die ganzen tollen Berichte veröffentlichen dürft?”

Letzteren Punkt, dass die Magazine meist alle gleichzeitig ihre Berichte drucken, finde ich nicht so dramatisch. Es gibt eben nur eine begrenzte Anzahl von Top-Titeln, über die jeder schreiben will. Die Publisher wären ja auch schön blöd, wenn sie die Journaille nicht mit Informationen versorgen würden. Ob dies aber immer noch so intensiv wie heute über den Vor-Ort-Besuch beim Entwickler passieren muss? Zumindest diskutabel.

Und wie ist das mit der “Kumpanei” denn nun wirklich?

Der Vorteil des Reisens: Man trifft auf viele interessante Persönlichkeiten. In diesem Fall: Ex-Team-Ninja-Boss Tomonobu Itagaki.

Mich persönlich betrifft die Reiserei mittlerweile zwar weniger — ich ziehe es vor, bei Frau, Kindern und Katzen zu bleiben, schicke lieber meine Mitarbeiter um den Globus. Trotzdem ist mir diese Art des Event-Journalismus aus meiner beruflichen Laufbahn mehr als vertraut, sowohl auf der dunklen PR-Seite als auch auf der hellen.

Und in der Tat: Es entstehen zwischen PR- und Presse-Menschen tatsächlich manchmal Beziehungen auf Kumpelniveau. Das muss nicht sein, kann aber passieren. Ich habe bewusst “Menschen” geschrieben, denn wo Menschen aufeinander treffen, miteinander kommunizieren, bilden sich eben automatisch Beziehungen. Daran ist nichts Schlimmes — solange sowohl der PR-Kontakt als auch der Journalist professionell genug sind, um differenzieren zu können. Wenn ein Spiel nichts taugt, machen es warme Worte auch nicht besser.  

Tappt ein junger Spieleredakteur ein, zwei Mal in die Event-Falle und bekommt es nach einem rauschenden Fünf-Tage-Trip nach Los Angeles nicht übers Herz, das überhypte Spiel X von Publisher Y in seiner exklusiven Titelstory so objektiv zu beschreiben, wie man es von seinem Berufsstand eigentlich erwarten kann, wirft gar mit 08/15-Superlativen wie “Das Spiel des Jahres!” oder “Unfassbare Grafikpracht” um sich, dann sei ihm das selbst von pedantischen Misanthropen verziehen. Danach sollte er aber ganz schnell lernen, dass es keinerlei Verpflichtungen gegenüber einem Spielehersteller gibt, weil der den Reisestress des Journalisten mit allerlei Annehmlichkeiten versüßt. 

Bei reichlich Caipirinha kommen sich auch die Spieleredakteure näher.

Bei reichlich Caipirinha kommen sich auch die Spieleredakteure näher.

Leider verwechseln offenbar aber auch manche  (glücklicherweise nur sehr wenige) PR-Leute die Firmen, für die sie arbeiten und die Produkte, die sie vermarkten, mit ihrem Privatleben (oder ihrem Ego), fühlen sich regelrecht angegriffen, wenn man “ihr” Spiel eben doch nicht ganz so super findet. Dann wird der arme Journalist auch schon mal mit passiv-aggressiven E-Mails bombardiert (“Du weißt schon, dass eine Wertung unter 90 eine bodenlose Frechheit ist? Lächerlich!”) oder bekommt Liebesentzug angedroht (“Ihr bekommt ab sofort keine Testversionen mehr!”). Liebe PR-Manager, lasst das bitte sein, das ist anstrengend und tut eurer Gesundheit nicht gut. 

Kleine Alter-Mann-Anekdote in diesem Zusammenhang: Zu meiner Zeit bei der fun generation in Würzburg hatte ich ein Tennis-Spiel getestet. Aufgrund von Platzmangel mussten wir es auf eine halbe Seite packen, zudem bekam es “nur” eine 7 von 10. Grund genug für den PR-Leiter eines großen Konsolenherstellers bei mir durchzuklingeln und einen verbalen Schwall der Empörung in meinem Ohr abzuladen. Ich, damals zarte 22, war erstmal ziemlich beeindruckt, zog mich aber einigermaßen geschickt aus der Affäre, indem ich freundlich auf die drohende Magazin-Deadline hinwies und das Gespräch abrupt beendete. 

Presse und PR stoßen gerne miteinander an: Links Ex-GameStar-Chefredakteur Gunnar Lott (heute Director Communications bei flaregames), in der Mitte Journalist Sven Stillich, rechts Niels Bogdan, damals Senior PR Manager bei Ubisoft. (Games Convention in Leipzig 2004, "Siedler 5"-Event)

Presse und PR stoßen gerne miteinander an: Links Ex-GameStar-Chefredakteur Gunnar Lott (heute Director Communications bei flaregames und Inhaber der PR-Agentur Visibility Communications), in der Mitte Journalist Sven Stillich, rechts Niels Bogdan, damals Senior PR Manager bei Ubisoft. (Games Convention in Leipzig 2004, “Siedler 5”-Event)

Also, merken wir uns: Egal, wie verlockend ein Presse-Event auch ist (gerüchteweise soll es schon ganze Kreuzfahrten auf Publisher-Kosten gegeben haben) und wie hartnäckig der PR-Kontakt einen auch bedrängt — der Spielejournalist sollte seinen Job so machen, wie es seine Leser verdienen. So kritisch wie möglich, so lesenwert wie möglich, so objektiv wie möglich.

“Aber Produktjournalismus ist doch niemals objektiv!”, mag nun der eine oder andere einwerfen. Stimmt das? Ein spannendes Thema — das aber Inhalt eines zukünftigen Blogbeitrags sein soll.

In diesem Sinne: Gute Reise und bis bald.

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6 Kommentare

  1. Guter Ansatz, den ihr da verfolgt. Und ja, nicht jeder weiß, wie es läuft. Ist ein schwieriges Feld, generell im Produktjournalismus.

  2. Die Redewendung “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”, dürfte auch die schreibende Zunft, also auch Spiele-Journalistinnen hier und da in ‘Gewissensnöte’ stürzen. Schließlich sind auch Honorare/Einkommen von JournalistInnen im vorherrschenden Wirtschaftssystem von Marktmechanismen wie Konkurrenz und Profitsteigerung abhängig. Eine repressionsfreie
    Grundsicherung für alle dürfte dieses Übel zwar nicht ganz aus der Welt schaffen, jedoch wesentlich kleiner werden lassen.
    Wie sagte schon der kluge Karl Marx: “Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein”.

  3. Ingo, auch Dir vielen Dank für Deinen Beitrag. Wenn jeder so denken und arbeiten würde wie Du, wäre das ein Traum.

  4. Von der “Dunklen Seite” sprechend: Ich finde auch redaktionelle Besuche wesentlich effektiver, da auch die PR dabei sehr viel genauer feststellen kann, ob ein Redakteur/Medium wirkliches Interesse an einem Titel hat oder ein Termin in der Manier “mach du das mal eben ” ab delegiert wurde – gerade in England bei Besuchen ist dies sehr markant und offensichtlich. Allerdings ist es gerade in heutigen Zeiten eine sehr zeitintensive Arbeit, zumindest wenn man die gängigen Medien abdecken möchte. Bei großen Publishern mit hohem Titelaufkommen ist dies oftmals schwer durchzusetzen…

    Getrennt davon muss jedoch auch berücksichtigt werden, welche Art von Titel präsentiert wird! In meiner Laufbahn hatte ich schon einige Titel der Kategorie “Oh nein, damit soll ich wirklich auf Tour gehen” (auch bekannt als “maximal n 60er”) und könnte gerade bei diesen Touren von den wirklich interessanten Gesprächen berichten. Hier offenbarte sich die Professionalität oder mitunter auch Amateurhaftigkeit des Gegenübers in entwaffnender Art und Weise!

    Bei sogenannten AAA Titeln ist es hingegen fast schon eine logische Konsequenz, wenn versucht wird “uns” jede Info auf investigative Weise aus der Nase zu ziehen. Leider gab es aber auch hier doch einige Personen, die sich gerade bei solchen Premiumtitel-Präsentationen verhalten haben, als würden Sie zur eigenen Scheiterhaufenverbrennung vorgeladen werden.

    Ich mache PR seit 15 Jahren und kann feststellen, dass sich an redaktionellen Besuchen und dessen Vorzügen nichts geändert hat – unabhängig davon, ob man am Abend noch zusammen etwas Essen geht oder nicht! Eine persönliche Präsentation ist PR von seiner besten und ungeschminkten Seite mit fairen Chancen für beide Parteien. Messen und die von Dir beschriebenen Events hingegen haben für mich eher einen Networking Charakter, wo die persönliche Sympathie bzw. Antipathie zum Tragen kommt. Die Chancen effektive Arbeit abzuliefern ist hier eingeschränkt und kommt daher oft erst im Nachfassen zum Tragen.

  5. Danke für diese Meinung. Da ich mich in den letzten Jahren vermehrt aus der Reiserei rausgehalten habe, ist das sehr interessant zu hören, wohin sich das entwickelt. Fakt ist: Viele Events wirken einfach unnötig und aufgesetzt und sind vornehmlich dazu da, den Journalisten als PR-Werkzeug zu instrumentalisieren — “Erfüllungsgehilfe” trifft es sehr gut. Nix gegen gute gemachte, informative Events, aber es muss sich aus Journalisten-Sicht eben auch lohnen.

  6. Schöne Zusammenfassung! Gäbe freilich noch vieles zu ergänzen, aus Sicht der Games-Journaille ebenso wie aus Sicht der Spiele-Industrie. Zum Beispiel nimmt die “Kumpelei” meiner Erfahrung nach seit einigen Jahren deutlich ab, weil die Reisegruppen wachsen und wachsen. Wenn ein PR-Reiseleiter 20 oder mehr Gäste betreut, kommt der Beziehungsaufbau deutlich zu kurz. Und das ist schade, denn gute Beziehungen bergen keineswegs nur die Gefahr der “Besser-Bewertung” – sie führen oft zu besseren Informationen für den Leser. Außerdem darf ruhig erwähnt werden, dass sich a) die Reisen immer weniger lohnen, weil vor Ort oft genug nur noch Screenshots, Trailer und schöne Worte präsentiert werden und der Journalist als PR-Erfüllungsgehilfe missbraucht wird – eigene Eindrücke / Recherchen unerwünscht. Außerdem können b) Fernreise-Quickies tierisch nerven. Innerhalb von drei Tagen nach Seattle fliegen; viel zu wenig zu sehen bekommen; wieder zurück; schnell was tippen; und inzwischen alle andere Arbeit im Büro liegen lassen, das ist kein Vergnügen. Finde einen Gastbesuch des Entwicklers und / oder eine Spielversion in der Redaktion mitunter effektiver, intimer und angenehmer. Aber natürlich entstehen bei Reisen wiederum eher exotische Geschichten. Die Mischung macht´s. Ach ja: Mag mal jemand überschlagen, wie viel Kerosin die Games-PR verbraucht? http://www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=4754

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