Der Spielejournalist – Teil 4: Spielemagazine früher und heute

Früher

Seit 1999 bin ich Teil der verspielt schreibenden Zunft. Mit knackigen 36 Jahren gehöre ich damit fast schon zu den Methusalems unter den Spielejournalisten. Damals, vor 14 Jahren, es kommt einem vor wie eine Ewigkeit, boomten die PC- und Videospielmagazine. Die Kioske platzten fast vor Überangebot; Verlage wie Cypress (R.I.P.), Future Deutschland (R.I.P.), Computec, IDG und viele mehr konnten sich allesamt ein gutes Stück vom großen Zeitschriftenkuchen abschneiden und tiefschwarze Zahlen schreiben.

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper

Was ich als gerade mal 22-jähriger Chefredakteur der fun generation verdient habe, das darf man heute keinem erzählen. Zu jeder Konsole gab es ein “offizielles” Magazin; “Tipps & Tricks”-Sonderhefte verkauften sich prächtig. Die PC-Magazine GameStar, PC Games, PC Player und PC Action lebten in friedlicher Koexistenz. Computer Bild Spiele setzte zu Glanzzeiten nahezu eine Millionen Hefte im Monat ab.

Das Internet: gab’s natürlich schon, war allerdings eher eine Spielwiese für die Freaks und Nerds, die sich schon damals in den legendären Man!ac– und PCX-Foren verbal die Köpfe einschlugen. Doch die meisten Spieler liebten ihre auf Papier gedruckten Hefte, identifizierten sich mit den Redakteuren, schlossen Abos ab und freuten sich wie Kleinkinder, wenn die neue Videogames, play PlayStation oder Mega Fun im Briefkasten lag. neXt Level, anyone?

Heute

2013 ist der Spielezeitschriftenmarkt überschaubar. Im PC-Bereich kommen selbst die renommierten Publikationen gehörig ins Straucheln. Die noch wenigen existierenden Konsolenmagazine verkaufen sich noch viel schlechter. Jede neue IVW-Veröffentlichung: ein Schlag ins Gesicht der Verlage. Seit 2005 hält der Sturz ins Bodenlose der deutschen Spielemagazine bereits an. Man hat sich längst daran gewöhnt. Redakteurs-Fluchten, wohin man sieht und hört. Den Online-Magazinen geht’s auch nicht viel besser — es gibt viel zu viele, aber zu wenig gute. Denn wo kein Geld, da auch kein hochwertiger Content. Erfreuliche Ausnahmen mal außen vor gelassen. 4Players, Eurogamer und Gameswelt, meinetwegen auch gamona — das sind prima klassische Online-Spielemagazine. Die aber letztendlich auch nur die alte Formel ausschlachten, auf die Print seit der Power Play setzt. Dann lieber Seiten wie Krawall oder Blogs wie Superlevel, die sich was trauen, spannende Reportagen bringen. Sich die Menschen anschauen, die Spiele entwickeln, die Metaebene einbeziehen.

Umfangreiche Storys, spannende Entwicklerbesuche und außergewöhnliche Themen sind im Print-Sektor selten geworden. Man bedient den Mainstream, bringt Auf-Nummer-sicher-Themen. Tests, Previews, News, ein wenig Retro, ein paar Pflicht-Specials — fertig ist das Spieleheft von heute. Lara Croft, GTA und Wrestling auf dem Cover. Alles Standard, alles schon gesehen. Langweilig. Ausgelutscht. Schade, wenn selbst Spielekulturpioniere wie die GEE nicht überleben. Immerhin wagen sich immer wieder kluge Menschen an coole Projekte: Das Essay-Magazin WASD zum Beispiel ist super. Oder GameOne, das sowohl auf Viva als auch MTV läuft. Genialer Schachzug von den Machern, wie ich finde.

Zurück zur Magazinkrise. Was bedeutet das alles für einen “Oldie” wie mich? Natürlich bescheidenere Honorare als noch vor einigen Jahren — aber immerhin genug Umsatz, damit meine Liebsten und ich nicht hungern müssen. Und vor allem: immer auf dem Laufenden zu bleiben, Trends zu erkennen und sich flexibel den Marktgegebenheiten anzupassen. iPhone, Android, Free2Play, Casual Games, Browerspiele — längst Alltag, was vor ein paar Jahren noch eher die Ausnahme war. Man muss am Puls der Zeit sein, die verschiedenen Medienformen und -kanäle nutzen, Print wie Online texten, auch mal Themen angehen, die nichts mit Games zu tun haben. So bleibt der Job spannend, aber eben auch ein hartes Pflaster, auf dem sich nur noch wenige freie Spielejournalisten erfolgreich bewegen.

Doch Schluss mit der Klagerei — schlimmer geht’s immer. Bleibt zu hoffen, dass die Printmagazine ihren Weg finden, um neue Leserschichten anzusprechen. Und zwar nicht mit halbgaren DVD-Beilagen oder kostenlosen Spielen, sondern mit großen, leidenschaftlichen, aufwendig gelayouteten Artikeln rund um das faszinierende Medium Computerspiel. Mit Hintergrundartikeln, die man auf einer Website so niemals finden würde. Mit Tests, die auch ohne eine Wertung den Namen verdienen und mit subjektiven Einblicken in ein Spiel fesseln, anstatt die obligatorische “Story, Gameplay, Grafik, Sound, Fazit und Wertung”-Leier abzuspulen. Die sich von Online-Magazinen inhaltlich so abgrenzen, dass sie ein Kaufargument sind — und nicht nur eine Wiederverwertung der Heft-Webseite.

Gute Ansätze gibt es zum Glück immer wieder, auch wenn der viel zitierte “Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester!“-Aufruf von Christian Schmidt auf Spiegel Online aus dem Jahr 2011 bis heute nicht wirklich erhört wurde. Immerhin denkt dessen Ex-Magazin Gamestar über eine Renovierung seines erzkonservativen Wertungssystems nach. Ich sage ja nur: 5-Sterne-System, wenn denn schon unbedingt eine Wertung drunter stehen muss. Fand ich schon bei der PC Player klasse, damals. Hat sich aber dann leider auch nicht verkauft. Seufz, also doch Prozente.

Genug philosophiert. Ich freue mich auf die Spielemagazine der Zukunft — und trage hoffentlich mit interessanten Stories und Reportagen weiterhin dazu bei, das Medium so zu beleuchten, wie es das verdient hat. Man möchte jetzt fast Amen sagen, aber das überlasse ich dem neuen Papst.

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8 Kommentare

  1. Dieses rumgeheule ist doch wirklich hausgemacht.
    Immer wieder wird das hier als die Lösung aller Probleme propagiert: “Bleibt zu hoffen, dass die Printmagazine ihren Weg finden, um neue Leserschichten anzusprechen. Und zwar nicht mit halbgaren DVD-Beilagen oder kostenlosen Spielen, sondern mit großen, leidenschaftlichen, aufwendig gelayouteten Artikeln rund um das faszinierende Medium Computerspiel. Mit Hintergrundartikeln, die man online so niemals finden würde. Mit Tests, die auch ohne eine Wertung den Namen verdienen und mit subjektiven Einblicken in ein Spiel fesseln, anstatt die obligatorische “Story, Gameplay, Grafik, Sound, Fazit und Wertung”-Leier abzuspulen.”
    Hat diesen Stil nicht z.B. die Gee durchgezogen?
    Die Gee ist aber inzwischen Geschichte.
    Vielleicht weil damit nicht die Massen angezogen wurden?

    Die Höhepunkt ist dann immer wieder:
    “Ich sage ja nur: 5-Sterne-System, wenn denn schon unbedingt eine Wertung drunter stehen muss. Fand ich schon bei der PC Player klasse, damals.”
    Komisch, war nicht genau das 5-Sterne-System das Todesurteil für die PC Player?

    Es werden immer wieder Dinge gefordert, die anscheinend an der Masse vorbeigehen?
    Ihr wollt doch Auflage? Oder gehts doch nur um tolle Texte, an denen sich einzelne Freaks aufgeilen können? (“Toll geschrieben…”)

    Welches klassiche Spielemagazion kümmert sich denn z.B. heute ausführlich
    um Massenmarkt-Themen wie Free2Play? Oder Mobile Games? (Ich mein iPhone & Co und nicht die dahinsiechenden Systeme 3DS und Vita.) Ausser vereinzelte “Specials” seh ich da nichts.

    Wo bleiben denn die Spielemagazine, die sich mit der aktuellen Marktsituation objektiv
    auseinandersetzen und nicht gewisse Spiele ausblenden, weil sie nicht ins “System” passen
    (Retail 50$ Games vs Free2Play/Browser-Games oder 3DS/Vita mit Buttons vs Touch-basierte Smartphones).

    Das Remake der PowerPlay vor kurzem war das erste Print-Magazin seit
    mindestens 10-15 Jahren, das ich mit freude komplett gelesen habe.
    Die M! Games hol ich mir aus Gewohnheit (seit 20 Jahren) – weil die Jungs mir einfach symphatisch sind und so lange sehr gute Arbeit abliefern.
    Den Rest kann man doch wohl vergessen…

    • Die GEE hat das schon ganz gut gemacht, aber teils auch zu elitär und zu sehr auf diese “Wir sind ein cooles Lifestyle-Ding”-Schiene. Wenn man das aber seriös und sauber recherchiert angeht, eben mit professionellem Spielejournalismus-Ansatz, dann findet das sicherlich seine Leser.

  2. Toller Artikel.
    Aber: Meinst du wirklich Gamigo? Die sind schon seit viiiiielen Jahren kein redaktionelles Portal mehr. Und Gamona kannst du hoffentlich nicht gemeint haben!?

  3. sehr interessant zu lesen, ich selber schreibe meine Eindrücke von Spielen hier in meinem Blog weil ich auch finde das es in den Zeitschriften immer das gleiche ist… allen vorran momentan Crysis 3 es ist kein schlechtes Spiel dank Nanosuit und Waffengimmicks. Aber bei den Wertungen mehrerer Zeitschriften und Onlinemagazinen könnte ich brechen, es wird einfach auf die Grafik reduziert. Ein Spiel mit 90% muss eigentlich schon was besonderes sein und kein Spiel mit verworrener Story und zu vielen Lücken darin aber grafisch ein Knaller ist.

  4. Und wo ist der Like-Button? Hätte ich auch gern gedrückt…

  5. In der Branche Fuß zu fassen ist so gut wie unmöglich, die Verlage wollen wirklich kaum mehr Geld in die Hand nehmen. Traurige Entwicklung…

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